Bordleben

Körperpflege an Bord

Körperpflege an Bord

Ich kann gar nicht genau sagen, wie und womit die Tage eigentlich vergehen. Ich weiß nur, dass ich diese Art von Rhythmus noch nie kennengelernt habe, und dass ich seit vier Wochen nur aus zwei Gründen auf die Uhr schaue: zum einen zum Stellen des Weckers für die täglichen Wachen, zum anderen für die regelmäßigen Logbucheinträge. Vielleicht noch ein oder zwei Mal, wenn ich bei Landgängen zu einer bestimmten Zeit wieder auf dem Boot sein soll, auf jeden Fall aber vor dem Dunkelwerden.

Ich bin mittendrin im Bordleben. Vier Personen sind wir momentan auf der Polaris, Micha, der weltreisende Skipper und Bootseigentümer, und drei Frauen. Hilde und ich aus Deutschland, Tigs aus England. Zusammen segeln wir insgesamt 2460 Seemeilen durch die Südsee, von Bora Bora über Suwarrow (Cook Islands) und Niue nach Tonga. Eine Seemeile sind 1,852 Kilometer. In den letzten Tagen hatten wir  eine relativ gute Windgeschwindigkeit durchchnittlich 10 Knoten (1 Knoten =1,8 km/h) und schafften ca. 140 Seemeilen pro 24 Stunden. Unsere erste Etappe, Bora Bora nach Suwarrow, haben wir bereits erfolgreich gemeistert, in 4 Tagen und 4 Nächten, und waren stolz und erleichtert, unser Ziel am Tage erreicht zu haben, ohne noch eine Nacht zweckfrei wenige Meilen davor auf dem Meer verbringen zu müssen.

Segeln, das habe ich mittlerweile verinnerlicht, heißt mit dem Wetter zu reisen. Wir können die schönsten Ziele ansteuern und mag es dort auch so wunderbar sein, wie lange wir dort verweilen können und was am Ende zählt, sind Wind und Wettervorhersage. Kein Wind heißt kein Segeln, motoren auf hoher See möchte niemand, segeln bei Sturm und unruhigen, anstrengenden Wellen erst recht nicht. Unser Weg liegt nicht allein in unserer Hand, Sicherheit geht vor, und so bewegen wir uns mit den Gegebenheiten und lassen uns darauf ein.

Mittlerweile haben wir unseren Rhythmus an Bord gefunden. Der Tag beginnt früh zwischen gegen 7 Uhr, gefolgt von Yoga je nach Belieben, Käffchen, Müsli, ein kleiner Mittagssnack, eine große Mahlzeit gegen 16 Uhr. Skipper’s midnight ist gegen 21 Uhr, an Land ist dann oft bei uns das Licht aus. Wenn wir segeln, übernehmen jeweils zwei Personen eine Nachtwache à 5 Stunden, auch tagsüber sind wir in großzügigen Intervallen eingeteilt, ein Auge auf das Boot, den Kurs, den Wind und die Wolken haben und falls notwendig, manuell steuern. Ich hätte nicht gedacht, dass Steuern so schwierig sein kann, es erfordert hohe Konzentration, Übung und Feingefühl für Wellen, lerne ich von Tigs, die seit sechs Jahren die Weltmeere bereist und uns auf Kurs hält.

Ich habe immer noch nicht alle Leinen auf dem Boot durchschaut, gewöhne mich langsam an wiederholte Manöver wie Vorsegel einholen oder Großegel raffen, kann schon fast allein den Anker aufholen, übe fleißig Knoten und Leinen aufschießen, d.h. in Form einer 8 zusammenlegen. Ich lerne, mich möglichst unfallfrei auf dem Boot zu bewegen und die vielen blauen Flecken auf meinen Armen und Beinen mit Humor zu nehmen. Es gibt aber auch wirklich eine Vielfalt an spannenden Möglichkeiten, irgendwo anzustoßen. Meine volle Bewunderung gilt Hilde, der es gelang, uns bei Welle und spontanem Segelwechselmanöver ein tolles Essen zu zaubern, obwohl sie in der Küche nur so hin- und hergeschleudert wurde und die Tomatensauße auch. Grundsätzlich gilt: schön langsam bewegen. Das Gewicht bewusst auf die Füße verlagern und fest auftreten. Ob in der Kabine oder auf Deck, ‚immer eine Hand fürs Boot‘, also festhalten, wenn’s von A nach B geht. Dinge so anordnen und verstauen, dass sie nicht herunter fallen können, Schubladen und Türen (auch sehr schön zum Finger einklemmen) immer gleich zumachen. Bei Manövern grundsätzlich geschlossene Bootsschuhe tragen, das hilft für einen festen Stand, wenn Leinen bewegt, Haken befestigt oder übers Boot geklettert wird, und es tut auch weniger weh, wenn man mal wieder über dieselbe doofe Kante stolpert. Jeder ist für seine Kabine verantwortlich, in der nichts umherfliegen darf, und dafür, bei Regen die Fenster zu schließen. Das kann dann schon mal dazu führen, dass sich nachts drei Leute gleichzeitig im Salon treffen und schläfrig ihrer Pflicht nachgehen.Vorbildlich!

Und so gewöhnt man sich an alles, sogar, wenn auch nur langsam, an die unerschöpfliche Geräuschvielfalt des Bootes, das knarrt, klappert, scheppert, rumst, quietscht, rumort ohne Unterlass, tags und nachts. Tigs lehrt uns Wolkenkunde, wir lernen, Tiefdruckgebiete früh zu erkennen und dass, falls sie hinter dem Boot liegen, sie uns einholen werden und wir uns auf einen Regenschauer einstellen müssen. Ich verstehe jetzt, dass der Mond für die Gezeiten und die Bewegungen der Wellen verantwortlich ist. Und wir sinnieren, dass eigentlich nur das Reisen einen angemessenen Eindruck vom Himmel vermitteln kann, denn wenn man durch die Welt reist, beginnt man, die größere Komplexität des Universums zu erfassen.

Schön und spannend finde ich es zu erleben, wie die Tage an Bord vergehen. Unsere Aktivitäten ergeben sich ziemlich zwanglos. Lesen, Musik hören und teilen, in die Wellen starren, das Blau bewundern, sowieso wundern und sich gegenseitig bestätigen, wie toll es ist, mitten im Pazifik übers Meer zu segeln, einen 360°-Blick auf den Horizont zu haben, als säße man auf einer Scheibe sich bewegenden blauen Ozeans. Wir tauschen Buchtipps aus, schreiben Blogartikel, sortieren Fotos (aus), unterhalten uns über alle erdenklichen Themen mit und ohne Tiefgang. Alle paar Tage ist Waschtag, unsere Klamotte sind klamm vom Salzwasser. Wir planen das kulturelle Programm für die nächsten Tage, belesen uns, sofern wir das exquisite Ziel überhaupt im Reiseführer finden – bei Suwarrow und Niue ist das nicht der Fall, wie großartig ist das denn! Natürlich gibt es auch häusliche Pflichten, pro Crewwechsel gibt’s einen Putztag für oben und unten, heute sind wir eingeteilt, die Metallstangen und Oberflächen an Deck vom Meerwasser zu säubern und zu polieren.

Hilde mit ihren cleveren Kochkünsten verwöhnt uns kulinarisch, Micha sieht man oft irgendwo auf dem Boot Routinechecks durchführen oder vor dem SSB, um über Funkwellen nautische Infos über das nächste Ziel einzuholen oder mit seiner Firma zu kommunizieren. So vergeht die Zeit, wir freuen uns, wenn uns Wind und Wellen gewogen sind, setzen Segel, zählen die Seemeilen, sehen dem nächsten Ziel entgegen und genießen die Erfahrung.

 

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