Französisch-Polynesien

Als ich Ende April in den Flieger steige, habe ich nur eine wage Vorstellung von Französisch-Polynesien. Tahiti, da dachte ich an Blumengirlanden und tropisches Wetter, das war’s. Von Bora Bora geschweige denn Moorea, Huahine, Raiatea und Taha’a hatte ich noch nie etwas gehört.

Nach fast einem Monat in der Südsee bin ich ganz erfüllt von meinen Erlebnissen und durchaus widersprüchlichen Eindrücken über das Leben auf den Inseln. Tahiti allein mit ihren 117 Inseln erstreckt sich in einem 4000m² großen Meeresgebiet, diese Fläche ist vergleichbar mit Europa. Mit dem Segelboot bewegen wir uns manchmal in 2 bis 6 Stunden, manchmal in 2 oder 4 Tagen am Stück von einer zur nächsten Insel. Das Land ist stark von seiner Geschichte geprägt. 1776 vom großen Navigator James Cook entdeckt, war das der Beginn der Eroberung der Inseln durch die Europäer, der Bekehrung zum Christentum und der endgültigen Kolonialisierung durch Frankreich in 1842. Über Jahrtausende wurden Sprache, Kultur und Glaube der Polynesier unterdrückt; heute finden sie langsam ihre Bedeutung wieder.

Zur Unterhaltung der Touristen, aber vor allem auch der eigenen Bevölkerung, ist die Aufführung von Tänzen sehr typisch, und wichtigstes mehrwöchiges Kultureignis des heutigen polynesischen Lebens ist das Festival Heiva i Tahiti Ende Juni/Anfang Juli, das einmal im Jahr stattfindet und für das Sing- und Tanzgruppen der Dörfer und Städte jeder Insel sich ab April vorbereiten, um in aufwändig selbst hergestellten Kostümen in den Wettbewerb zu treten. Eine dieser Tanzgruppen konnte ich auf Bora Bora beim Training beobachten, auf einem Sandstreifen zwischen Meer und Straße, mit 4 Trommlern und 12 TänzerInnen. Beneidenswert, dieser Hüftschwung der jungen Frauen. Ich habe die Menschen hier als unglaublich herzlich, offen und großzügig kennengelernt. Ob jung oder alt, sie grüßen von sich heraus, lächeln und winken sogar manchmal, schenken Dir Früchte, wenn Du ihren Pampelmusenbaum zu lange andächtig anstarrst.

Unfassbar fand ich die Freundlichkeit einer jungen Frau, die mit ihrem Kleinkind zum einzigen Strand der Insel fuhr, uns per Anhalter im Auto mitnahm und anbot, uns zwei Stunden später auch wieder mit zurück zu nehmen. Sie hat sogar noch den Sonnenuntergang für uns abgewartet.

Je nach Größe haben die Inseln maximal zwei Städte oder Dörfer für die weltlichen Dinge des Lebens: Supermarkt, Bank, Post, Apotheke. Ansonsten sind die Inseln eher von residentiellem Charakter, die Menschen wohnen oft dicht am Meer, das Landesinnere ist bedingt durch den vulkanischen Ursprung der Atolle sehr gebirgig. Witziger weise gibt es Briefkästen für Baguettes, die den Familien jeden Morgen angeliefert werden. Wir haben fast immer Fahrräder oder ein Motorrad ausgeliehen und die Inseln per Fahrt über die Küstenstraße umrundet. Besonders schön fand ich es, das Leben an einem Sonn- oder Feiertag zu beobachten. Nicht nur die typische Herrenrunde, sondern manchmal auch die ganze kleine Dorfgemeinschaft versammelt sich zum Petanque-Spielen, ganz old school wie in Frankreich, auf einem zentralen Platz.

Wenn nicht dort, trifft man sich am Steg zum Fischen oder Baden, Kinder und Jugendliche pflücken Kokosnüsse von den Bäumen, um den Saft zu trinken oder das innere weiße, noch etwas labberige Fruchtfleisch zu essen – einmal hielt ich spontan an und bekam eine Kokosnuss ganz allein für mich serviert, von einer jungen Frau in den Zwanzigern, die mir stolz von ihrer Arbeit als sog. Lifewatch berichtete und davon, wie sie Menschen per Therapie hilft, ihre innere Balance zu finden. Na wenn das mal kein Wink mit dem Zaunpfahl war. Um meine zu finden, habe ich versucht, so langsam wie möglich zu fahren und alle Eindrücke in mich aufzunehmen, die wunderschönen Buchten, das Wasser, abwechselnd glasklar, türkis, grün oder dunkelblau, auf der anderen Seite der Straße satte grüne tropische Flora mit Palmen und Hibiskus, die sich gegen die steilen Vulkanberge abhebt.

Einmal auf Raiatea hielt ich an einer besonders schönen Stelle an, stellte den Motor aus und hörte….nichts. Absolute Stille, abgesehen von Vogelgezwitscher aus den verschiedensten Ecken und ab und zu Geräuschen aus dem Haus einige hundert Meter neben mir. Das war schön. Während ich so dahinfuhr, habe ich versucht zu verstehen, wie sich die sozialen Unterschiede der Menschen darstellen, allerdings ist es schwer zu erfassen. Einfache Hütten und Häuser aus verschiedenem Material wechseln sich ab, ob oder nicht das Anwesen gepflegt ist, hängt wohl von der jeweiligen Familie ab, mehrere Autos scheinen alle zu haben, oft habe ich auch altes verrostendes Fuhrwerk in den Gärten gesehen.

Streundende Hunde gibt es überall und auch Hühner, die v.a. zur Abwehr von Insekten gehalten werden. Allein auf Bora Bora waren die Unterschiede im sozialen Status der Bewohner schon ziemlich offensichtlich, außerdem fahren dort sehr viele Menschen in Trucks herum, möglicherweise eine Hinterlassenschaft der Amerikaner, die im WWII hier stationiert waren und das Leben der Inselbewohner bis heute beeinflusst haben.

Was ich interessant fand und für jeden Strandurlauber wichtig ist, ist, dass die meisten polynesischen Inseln auf der Hauptinsel keine weißen Bilderbuchstrände haben, diese befinden sich eher auf den vorgelagerten kleinen flachen Kalkinselchen, auch ‚Motu‘ genannt, und dort hat sich auch die Luxushotellerie angesiedelt. Der übliche (Luxus-) Tourist bekommt von der eigentlichen Inselwelt also wenig mit, sofern er sich nicht die Mühe macht, mit der Fähre herüberzusetzen. Aber vielleicht ist es auch verständlich, dass er seine Zeit lieber mit Schnorcheln und Tauchen verbringt, denn das kann man hier wunderbar.

Zu meiner Bekanntschaft mit Stachelrochen und Haien ist nun auch noch ein Mantarochen dazugekommen, der kam am Abend ins Hafenbecken Bora Boras, um Plankton zu fressen, und nachdem der Marinachef mich ermuntert hat, mit Schnorchelbrille ins Wasser zu gehen, stand mir bald das Herz still, als der Rochen mit seinen großen Flügeln und riesigem geöffneten Maul direkt auf mich zuschwamm. Gott sei Dank ist er aber Vegetarier und drehte etwa 2m vor mir ab. Crazy!

Ansonsten betrachte ich das Leben hier mit gemischten Gefühlen, ich habe es zwei Mal live erlebt, wie schnell sich Einheimische erhitzen und Streit oder sogar Prügeleien anfangen. Eine junge Frau aus Frankreich, die sich auf Bora Bora als Masseuse und Sängerin ein Leben aufgebaut hat, berichtete mir von Alkohol und Gewalt in vielen Familien; sie meinte auch, die Inselbewohner trügen bis heute eine Art „Warrior“-Mentalität in sich, sind streitlustig. Vielleicht liegt es auch daran, dass es einfach nicht so viel zu tun gibt hier?

Eine andere Französin meinte zu mir, das Inselleben sei paradisisch beschaulich, geprägt von Sonne und Meer in einer wunderschönen Umgebung, wohingegen Unterhaltung und Kultur wie bspw. Kunst oder Kino fast völlig fehlen. Das erklärt dann vielleicht auch, warum die Menschen mehrere Monate damit verbringen, Gesang und Tänze einzustudieren und Kostüme zu basteln, damit sie beim Event des Jahres Französisch-Polynesiens glänzen und sich amüsieren können.

Insgesamt hat mich die polynesische Inselwelt sehr beeindruckt, ich fand es wunderbar, mir das Leben hier in vielen Gesprächen und Beobachtungen zu erschließen und mir ein eigenes Bild zu machen. Au plaisir, paradis !

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