Geschichten von Menschen

Was bewegt die Menschen zu einer 15-monatigen Weltumsegelung? 39 Boote bereisen die Welt dieses Jahr unter der Flagge der ARC  (Atlantic Rally Cruise), eine zweckgebundene Vereinigung von Seglern aus aller Welt, die den organisatorischen Rahmen für ein solche Reise bietet. An Bord der Segelschiffe sind Menschen aller Nationalitäten, die aus verschiedensten persönlichen Gründen die Welt umsegeln, sei es über eine Teil- oder die gesamte Strecke.

Für mich zählt die Bekanntschaft mit den vielen interessanten Menschen zu den schönsten Erfahrungen der vergangenen sechs Wochen. Ein Gros der Bootseigentümer scheinen diejenigen zu sein, die nach einem intensiven Arbeitsleben ihre Firma verkauft oder sich andersartig für ihre intensive oder jahrelange Geschäftstüchtigkeit belohnen. Unser Skipper Micha, 44-jähriger Unternehmer, ist da als Bootseigentümer in diesem Alter eher die Ausnahme. Einige Reisende schaffen sich ein Boot eigens für die Reise an, andere sind bereits alte Hasen und schippern regelmäßig im Mittelmeer oder haben bereits (mehrere) Atlantiküberquerungen hinter sich. Kein Skipper aber ohne Crew, und so füllen sich die Boote mit Familie, Freunden, Bekannten, Touristen, gegen Bezahlung oder auch nicht.

Eine liebgewonnene Bekanntschaft sind zwei italienische Herren im Rentenalter, die seit Schulzeiten Freunde sind, sie reisen gemeinsam um die Welt. Dann gibt es zwei Spanier, ein ehemaliger Unternehmer und ein junger Tauchlehrer., der bereits in Spanien, Thailand und auf den Philippinen gearbeitet hat. Sehr nett war auch ein norwegisches Paar, er ehemaliger Pilot und sie Chefstewardess, zusammen haben sie bereits die Welt per Flugzeug bereist; ihre Kinder leben in Australien und so werden sie wohl dort einen Stopp einlegen. Ein anderes Boot setzt sich aus einer Gruppe von Schweizern zusammen, die über zig Ecken miteinander bekannt sind.

Oft ergibt sich die Zusammensetzung der Crew auch durch Angebot und Nachfrage für das sogenannte ‚Hand gegen Koje‘ oder auch bezahlte Bordmitglieder, die im Gegenzug für ihre Arbeitskraft an Bord ohne Entgelt oder gar bezahlt mitsegeln. Das erklärt dann die Vielzahl von jungen Leuten, die ich hier kennenlernen durfte, abgesehen davon, dass es natürlich auch solche gibt, die von der elterlichen Großzügigkeit profitieren. Am spannendsten ist aber das Boot-Hopping.

Wie schnell es passiert, dass jemand innerhalb der ARC-Segelgemeinschaft das Boot wechselt, weil sich Pläne ändern, ein Team Verstärkung braucht oder auch einfach die Chemie an Bord nicht stimmt, ist beeindruckend.

Sowieso ist eine wichtige Erkenntnis, dass die Harmonie in der Gruppe einer der entscheidensten Faktoren für entspanntes Segeln ist. Wenn man Tag und Nacht auf engstem Raum zusammen lebt, Tage und Nächte segelt, ohne Land zu sehen, an Land das Boot der Hafen ist und man regelmäßig im Verbund mit 39 anderen Booten Zeit verbringt, ist eine funktionierende symphatische eigene Gruppe ein Segen. Aus vollem Herzen und mit großer Dankbarkeit kann ich sagen, dass ich dieses Glück hatte, und dass wohl auch aus diesem Grund die vergangenen sechs Segelwochen im Südpazifik eine unvergesslich schöne Zeit waren.

Zwei Crews habe ich kennengelernt. Zunächst waren wir sechs Personen an Bord, eine dreiwöchige Urlaubsreise von Tahiti nach Bora Bora. Was haben wir nicht alles unternommen, von Bergwanderung über diverse Fahrrad- und Scooterfahrten mit Früchtepflücken, Schnorchelausflügen und abendlicher Happy Hour.

Später ab Bora Bora waren wir zu viert, Hilde kommt und auch Tigs hoppt an Bord, Großgrundbesitzerin aus England, die das Segelleben liebt und sich bewusst dafür entschieden hat; die uns mit ihren unerschöpflichen Geschichten in eine andere Welt entführt, mit ihrer Segelerfahrung Sicherheit und Wissen vermittelt und sich auf ihre eigene Art perfekt in unseren kleinen Kreis einfügte.

Zahllose Gespräche über das Reisen und das Leben habe ich auch mit Hilde geführt, die zwar noch im Arbeitsleben steht, aber dank einer besonderen Vereinbarung mit ihrer Arbeitgeberin seit Jahren einige Monate jährlich die Welt bereist. Hilde war schon überall, so scheint es, und mich beeindruckt ihre ansteckende Begeistung für alles, was mit Inseln, Wasser, Schnorcheln und Sonne zu tun hat.

Ganz davon abgesehen, dass ich regelmäßig nach dem Essen mein Notizbuch zückte, um mir die tollen einfachen Rezepte aufzuschreiben, die ich in Neuseeland in der Backpackerküche wohl nachkochen werde. Danke Hilde. Wir sehen uns in Berlin!

Dass ich selbst auf der Polaris gelandet bin, ergab sich durch Zufall und perfektem Timing. Micha habe ich vor Jahren während meiner Zeit im Tourismusmarketing für das Reiseland Brandenburg kennengelernt. Gern erinnern wir uns an einen legendären Tanzabend anlässlich der boot Düsseldorf….3.1 Promille zeigte der Automat Micha in der Kneipe!

Micha’s Weltumsegelung habe ich von Anfang an mit großem Interesse auf dem Espoto-Blog verfolgt, und als mein Entschluss fest stand, eine längere Reise zu unternehmen, galt mein erster Anruf ihm. Wenig später hörte ich zum ersten Mal den Namen Bora Bora….  Nicht ohne Stolz möchte ich bemerken, dass es eine reine Frauencrew war, mit der Micha die letzten 1480 Seemeilen gewuppt hat, mit eher mäßiger Segelerfahrung abgesehen von Tigs. Über die Zeit haben wir uns gut eingespielt, kennen und beherrschen (mal gut, mal weniger gut) die Abläufe und Handgriffe an Bord, können an Michas Nase erkennen, wann er einen Kaffee braucht, spüren, wann es Zeit für ein schönes Gespräch ist, oder zum Kochen, oder zum Schlafen oder Pflichten erledigen.

Und wenn ich hier so sitze, an meinem letzten Abend der Segelreise, auf Tongatapu, ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass jeder von uns auf seine eigene Art zu einer gelungenen Reise beigetragen hat.

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