remote control – Unternehmen mobil führen

Michael Haufe an Bord der Segelyacht

Michael Haufe an Bord der Segelyacht

Beim Einlaufen in Vanuatu, dem letzten Inselstaat unserer Reise im Südpazifik, konnte ich zum Anlegen keinen Rückwärtsgang einschalten. Die langjährige Erfahrung und eine zuverlässige Crew ließen es trotzdem ein erfolgreiches Manöver werden. Im Hintergrund rief mein Sohn, wie sehr er sich auf zu Hause freut, nachdem er 3 Tage Übelkeit hinter sich gebracht hatte. Das Funkgerät ist total ausgefallen, so dass hier auf der Insel keiner wusste, wann wir ankommen. Die Behörden hatten ein Einsehen und ließen uns nicht noch eine Nacht „draußen verhungern“. Die letzte Leine wurde fest gebunden, die Sonne war bereits unter dem Horizont und die letzte Helligkeit verschwand.

Hinter mir liegen 200 Tage Weltumseglung als Eigner, Skipper, Unternehmer, Familienvater, Sohn, Freund und Entdecker. Welche Rolle war die Wichtigste? Welche Verantwortung konnte ich in jeder Einzelnen übernehmen? Kann man noch von einer Weltumseglung sprechen? Wo bleibt das Selbst? In der Tat übertrafen die Anforderungen an diese verschiedenen Typenbilder meine Erwartungen. Diese hatte ich zu Beginn meiner Reise bewusst auf sehr realistische Weise definiert und die anspruchsvollen Situationen nicht ausgelassen. Es gab bisher auf dieser Reise keine Zeit für Müßiggang und nur selten Urlaubsfeeling. In schneller Folge waren Dinge zu erledigen, zu entscheiden und zu organisieren. Rückblickend auf die 200 Tage war es eine aufregende, fordernde und einzigartige Zeit an den schönsten Plätzen dieser Welt.

Das Internet wurde zum ständigen Begleiter in guten wie in schlechten Zeiten.  Es war allgegenwärtig und fast auf der letzten Insel präsent –  immer in unterschiedlichem Gewand :-). Die Herstellung einer Verbindung stellt nach dem Anlegen die erste Handlung dar. Ich weiß, früher war dies der Anleger – ein alkoholhaltiges Getränk zum Dank für die sichere Überfahrt. In der heutigen Seefahrt geht alles über dieses drahtlose Grundbedürfnis. Wir sichern unsere Erinnerungen, deuten das Wetter, bestimmen unsere Positionen und kommunizieren mit unseren Freunden und Familien oder führen Unternehmen. Letzteres war auch eines meiner Ziele vor dem Start in die 15 Monate dauernde außergewöhnliche Reise.

Vorab möchte ich die tiefgreifende Erkenntnis teilen, dass ich ohne ein engagiertes und vertrautes Managementteam bereits wieder an meinem Schreibtisch sitzen und die Geschicke des Unternehmens vor Ort leiten würde. Es zeigte sich schnell, dass meine Person stärker im Unternehmen verankert war, als ich es für mich wahrgenommen hatte. Es trafen unerwartete Ereignisse ein, die von den jeweils Verantwortlichen viel besser gelöst werden konnten, als ich es getan hätte. Hier sind vor allem operative Personalentscheidungen, Vertriebsmaßnahmen und anderes zu nennen. Das waren zunächst scheinbar unlösbare Herausforderungen für die Beteiligten, ließ sie aber Stück für Stück wachsen.

Meine wichtigste Rolle im unternehmerischen Kontext wurde während der Fahrt die des strategischen Beraters und Mentors. Ich musste schnell lernen, dass ich Aufgaben, die kurzfristige Reaktionszeiten verlangen, hier am anderen Ende der Welt nicht wirklich gut erfüllen kann. Weiterhin ist ein regelmäßiger Kontakt (Jourfix) oftmals nicht realisierbar. Der Takt einer Weltumseglung ist ein anderer als der eines deutschen Unternehmens. Man findet sich schnell in zwei parallelen Welten wieder. Ein großer Teil der Menschen, die ich unterwegs traf, erfüllte sich nach einem erfolgreichen Unternehmerleben und dem erfolgreichen Verkauf des Unternehmens ihren Lebenstraum als Ruheständler zwischen 55 und 70 Jahren.  Andere waren hochdotierte Manager oder Erben. Die Gruppe mit kleinem Budget wie Familien, Weltenbummler und Lebenskünstler segelten mit ausreichend Zeit und offener Zukunft über die Weltmeere. Ich bin mit unserem Projekt ein Exot und passe mit meinen 44 Jahren, dem aktiven Unternehmen und dem Zeitrahmen von 15 Monaten in keine der vorherrschende Gruppe.

Kann ich mein Unternehmen aus der Ferne wirklich führen? Diese Frage stellte sich vor meiner Abreise. Mein aktuelles Fazit ist nein – eine aktive Führung ist nicht möglich. Ja – ich kann es strategisch begleiten, kann Mentor sein oder in Krisenfällen meine Erfahrungen und Vorschläge einbringen. Die Entscheidung trifft das Managementteam vor Ort autonom und ohne mein direktes Eingreifen. Alle Beteiligten mussten dies schnell und teilweise mit harten Konsequenzen lernen. Für mich persönlich bedeutete es ein umfassendes Loslassen und Vertrauen in die Fähigkeiten und Erfahrungen meiner Führungscrew. Ich erwarte langfristige positive Effekte dieser gravierenden Umstellung.

Die Gründe für dieses Fazit sind vielschichtig. Zum einen ist da der eng gesteckte Zeitrahmen von 15 Monaten. Er lässt neben der reinen Segelzeit auf See nur begrenzte Landzeit zu. Diese fand in den vergangenen 200 Tagen an den schönsten Orten dieser Welt, mitten im Südpazifik statt. Geheimnisvolle grüne Inseln, tiefblaue Atolle oder endlose Sandstände, Palmen und faszinierende Kulturen. Man könnte schnell enttäuscht sein, wenn man feststellt, dass die Zeit nicht im Entferntesten ausreicht alles zu entdecken. Muss man die wertvolle Landzeit mit Managementaufgaben und Instandhaltung teilen, stellt man sich schnell die Frage nach dem Sinn einer solchen Reise. Mir war dieser potenzielle Konflikt von Beginn an bewusst, ich stellte mich darauf ein und orientierte mich auf mein großes Ziel. Einmal im Leben – jetzt mit Mitte 40 – die Welt im Segelboot zu umrunden. Alles andere ordnete sich dem unter. Ich war zu keiner Zeit enttäuscht oder hatte den Eindruck, etwas zu verpassen.

Dieser enge Zeitplan musste bestmöglich organisiert werden. Es ist leicht anzunehmen, dass man auf See genügend Zeit hat, alle wichtigen Aufgaben zu erledigen, um die Landgänge mit Entdeckungen ausfüllen zu können. Diese Vorstellung ist zum Teil richtig. Das wichtigste Instrument ist das Satellitentelefon, welches mir erlaubt, zu vertretbaren Kosten jederzeit von überall auf dem Ozean mit dem Team in Kontakt zu treten. Hier sind lediglich die 12 Stunden Zeitunterschied im Pazifik zu beachten. In sehr anspruchsvollen Momenten dauerte ein Telefonat bis zu 45min (45 US-Dollar). Dieses fand meistens um Mitternacht Bordzeit statt, was zur normalen Tageszeit in Deutschland war. Die Gespräche konnten unterstützend wirken. Oft basierten sie auf einer kurzen E-Mail, welche im Voraus das Thema, die Inhalte und das Gesprächsziel fixierte.

E-Mails können an Bord auf zwei Wegen empfangen werden. Über Satellit ist der Empfang jeglicher Form mit gewünschten Anhängen möglich. Die immensen Kosten (20 US Dollar für 1 MB) ließen aber die Nutzung auf ein Minimum sinken. Die Alternative ist die Kommunikation über sogenannte Funkwellen (SSB). Die neuesten Geräte ermöglichen budgetschonend einen akzeptablen Austausch von textbasierten Mails ohne Anhänge. Bei beiden Varianten sind leistungsstarke Geräte die Voraussetzung. Über die SSB Variante wurde ein-bis zweitägig eine Mailkommunikation aufgebaut. Telefonate fanden ebenfalls zweitägig oder in angespannten Entscheidungslagen täglich statt. Der zeitliche Aufwand über Satellit ist gering. Dagegen erfordert die Nutzung der Funkanlage eine umfangreicheres Zeitpotenzial sowie gute atmosphärische Bedingungen.

Der Austausch von Konzepten, Zahlen und anderen Dokumenten musste warten, bis ich an Land eine verfügbare Internetverbindung herstellen konnte. Diese zu finden, aufzubauen, zu verlieren und es erneut zu versuchen, konnte bis zu 4 Stunden in Anspruch nehmen. Übertragungsgeschwindigkeiten eines 64k – Modems waren auf den entfernteren Inseln keine Seltenheit. Somit konnte ich den Großteil mancher Tage mit der Kommunikation verbringen. Es war aber keine verlorene Zeit. Sie war notwendig, um das Abenteuer durchführen zu können. Die Alternative wäre, die Weltumseglung unter den genannten Umständen nicht zu realisieren. Doch diese Frage stand zu keinem Zeitpunkt.

Die Vorbereitung von Mails und Zuarbeiten zum Versand an Land war an Bord offline zu jeder Zeit möglich. Einschränkend gestaltete sich der Arbeitsplatz Boot. Es ist eher üblich, dass dieses sich um mehrere Grad neigt und ein normales Sitz-, Steh- oder Arbeitsverhalten nicht ohne Weiteres umsetzbar ist. Die stetige mehr oder weniger starke Bewegung des Bootes fordert jeden an Bord physisch mehr als man erwartet.  Es gestaltet sich bereits aufwendig, die Tagesroutine an Bord auch bei widrigen Bedingungen, umzusetzen. Dabei geht es „nur“ um normalen Lebenssituationen wie Essen, Schlafen oder persönliche Hygiene. Hinzu kommen die Bootsführung, Navigation, Wetterrouting und sonstige Checks. Eine starker Willen ist erforderlich, um  zusätzlich die geforderten und notwendigen unternehmensbezogenen Aufgaben abzuarbeiten.

Je weiter wir uns Australien nähern, desto besser und schneller werden die Übertragungsgeschwindigkeiten. Die Arbeit wird effizienter und Telefonate können über Skype und FaceTime geführt werden. Das führt zu dem Versuch einer verstärkten Einflussnahme, ist aber kontraproduktiv. Ich versuche, mich verstärkt der mittelfristigen bis langfristigen Strategie zu widmen und Fragen des Teams, so schnell es geht zu beantworten. Zur festen Aufgabe wurde die Auswertung der Monatszahlen, was bereits in Deutschland zu meinen Aufgaben zählte. Ergänzend kam die Ausarbeitung von strategischen Konzepten verschiedenster Art hinzu.

Mit der Zeit haben alle Beteiligten die Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Situation verstanden und gelernt, damit umzugehen. Ich bin bemüht, rechtzeitig Impulse für bevorstehende Aufgaben und Entscheidungslagen zu geben. Der Bereich Forschung und Entwicklung, einer meiner Verantwortungsbereiche, wird durch eine Interimsgeschäftsführerin operativ begleitet. Neue Projekte werden nicht in Angriff genommen. Sie müssen auf meine Rückkehr warten. Schwierige Projekte wurden durch meine Mitgesellschafterin und Geschäftsführerin unter großem Engagement bewältigt.

Die wesentlichen positiven Aspekte meiner Weltumseglung sind bereits jetzt sichtbar.  Schwächen im Unternehmen wurden auf brutalste Weise aufgedeckt. Meine aktive Rolle im Unternehmen wurde plötzlich zu einer begleitenden. Die Mitarbeiter, welche sich seit Jahren auf meine Omnipräsenz stützten, änderten umgehend ihre Arbeitsweise. Proaktives Handeln und Problemlösungsverhalten ersetzten Diskussionen. Mut, Entschlossenheit und Selbstverantwortung wurden auf nachhaltige Weise eingefordert. Bemerkenswert fand ich die Hinterfragung bestimmter vergangener Entscheidungen von mir. Es wurde nach besseren Lösungen durch fachlich kompetente Personen gesucht und gefunden. Das Selbstvertrauen des gesamten Teams stieg an.

Vor uns liegen weitere 250 Tage neuer Wege und wachsender Selbständigkeit. Alte Arbeitsweisen stehen auf dem Prüfstand. Ich nutze die Nachtwachen, um Strategien zu hinterfragen und mir mehr Zeit für wichtige langfristige Entscheidungen zu nehmen. Nach Australien folgen Südafrika/ Kapstadt, Brasilien und der Zieleinlauf in der Karibik. In dieser Zeit wird sich zeigen, wie jeder im Team mit seiner gewachsenen Rolle zurecht kommt. Es stehen wichtige Entscheidungen an, die gemeinsam mittelfristig via web diskutiert und vorbereitet werden.

Für mich persönlich besteht die Herausforderung in der bewussten Wahrnehmung jedes einzelnen Tages. Das ist leichter gesagt als getan. Zu leicht nehmen mich die Ereignisse in der Heimat gefangen und begleiten mich über den Tag. Die Segeltage bei gleichmäßigen Winden, Sonne und tiefblauem Meer sind etwas Besonderes. Der Sternenhimmel und die Nachtfahrten unter vollen Segeln hinterlassen Demut und sensibilisieren alle Sinne. Die Menschen, welche ich treffe und die mich begleiten, bereichern jeden Tag und geben mir neue Inspiration. Bei allem Neuen bleibt eine angenehme Sehnsucht nach der Familie, den Freunden und dem Team daheim.

Bild „Michael Haufe telefoniert an Bord der Segelyacht Polaris“ in maximaler Aulösung:
http://www.espotoworldtour.com/wp-content/uploads/2013/07/2009-Hochseeregatta-nach-dem-Start.jpg

Tags:

4 Responses to “remote control – Unternehmen mobil führen”