Vom betrunkenen Seemann zum stolpernden Pinguin

In den letzten Tagen, auf dem Weg von Fiji nach Vanuatu (500 nm), konnten wir erfolgreich Grundlagenforschungen seitens des Bewegens auf einem Schiff betreiben. Nun, in ausgeruhtem Zustand, haben wir eine Anleitung zusammengestellt, die den Weg vom Heck bis Bug beschreibt.

Alles beginnt mit dem berühmten Gedanken: Mir ist kalt… Also quält man sich unter großen Bemühungen und erheblichem Kraftaufwand aus der, zwar recht ungemütlichen, aber dafür sicheren Sitz-bzw. Liegeposition im Cockpit und beginnt den beschwerlichen Weg zu seiner Koje. Natürlich ist es Pech, wenn der Schlafplatz am vordersten Ende des Bootes liegt. Hin muss man ja trotzdem. Also steuert man erstmal auf die Treppe zu. Wobei steuern hier das völlig falsche Wort ist. Eigentlich sind es eher ein koordinationsloses durch die Gegend wanken, ab und zu einen Schiffskameraden Anrempeln oder gar Umreißen und ein krampfhafter Versuch, sich irgendwo festzuklammern.

Endlich die drei Meter zum Niedergang hinter sich gebracht, wartet sogleich die nächste Herausforderung. Obwohl, genau genommen ist die Treppe recht nutzlos, da man die Hälfte sowieso nur hangelt oder im schlimmsten Falle fliegt. Am Boden angekommen, werden sich schnell noch die schmerzenden Stellen gerieben und dann der Kontakt zur nächstmöglichen Festhaltestelle gesucht. Wenn man Glück hat, landet man direkt neben der Stange am Waschbecken, sodass man sich mit einigen ausgefuchsten Handgriffen nach oben ziehen kann. Doch schon die nächste Welle reißt einen rücksichtslos hinüber zum Navitisch. Nun kann man nur hoffen, weder ein Teil der Bordelektronik lahm gelegt zu haben, noch die dort möglicherweise sitzende Person umzureißen.

Hat man auch das hinter sich gebracht, geht es mit den bekannten Tanzschritten >Die besoffene Ballerina< zur vorderen Tür im Bugbereich- unterbrochen von vereinzelten schmerzerfüllten Aufschreien, erzeugt durch gelegentliches Anrempeln des Tisches, der Schränke und lose umherfliegende Gegenstände. Wenn man nun Pech hat, ist die Tür verschlossen. Verzweifelt klammert man sich an den Griff und wird unweigerlich bei der nächsten Welle, zusammen mit der Tür, an die Wand geschleudert. Betend, dass die Tür nicht wieder zufällt, tastet man sich jetzt an ihr entlang zur nächsten Prüfung. Mit einem beherzten Sprung krallt man sich dann an seinem Bett fest und versucht, die aufkommende Übelkeit zu ignorieren. So schnell es einem der Seegang erlaubt, schnappt man sich nun seine Jacke und bereitet sich mental auf den Rückweg vor.

Die Rückreise beginnt mit dem lauten Zuknallen der Tür und dem genervten Aufstöhnen von sich selbst. Laut scheppernd knallt man vor Schreck wieder in die untere Koje und versucht, irgendwie im Liegen die Tür wieder aufzumachen. Wenn die Tür dann nun endlich geöffnet ist, krabbelt man auf allen Vieren zurück in den Flur, mit der Hoffnung, einige blaue Flecke weniger davon zu tragen- stellt wenige Sekunden allerdings später enttäuscht das Gegenteil fest. Ähnlich wie auf dem Hinweg schwankt man erneut durch das Schiff, mit dem Unterschied, dass man nicht in den Navitisch hineinkracht, sondern in theatralischer Geste in die Kisten gegenüber dem Tisch stürzt. Für einen Moment mit dem Gedanken spielend, einfach liegen zu bleiben, kämpft man sich dann doch aus den Tellern und Tassen hinaus und begibt sich zurück auf den Abenteuerpfad. Wo zuvor die Treppe noch das einfachste Hindernis der Reise war, ist sie nun eines der schwierigsten und eigentlich nur durch einen aufwändigen Bewegungsablauf zu erklimmen. Nicht zum ersten Mal wünscht man sich eine professionelle Bergsteigerausrüstung, auch wenn diese weder gegen den Wellengang, noch gegen die folgenden Worte gewappnet ist. >Kannst du bitte gleich auch meine Jacke mitbringen?< Ein Nein wird in dem allgemeinen Wellenrauschen und Windgeheule schnell überhört und somit macht man sich erneut auf die Reise. Auf dem Rückweg probiert man dann noch schnell die Eiskunstlaufübung >Der vierfach gestolperte Pinguin< und holt sich noch weitere blaue Flecke.

Nachdem man sogar den Mount Niedergang überwunden hat, fällt man, wortwörtlich erleichtert, wenn auch unfreiwillig den anderen Passagieren in die Arme oder vor die Füße. Überreicht, nicht ohne Stolz, die anderen Jacken und bemüht sich, wieder in eine einigermaßen sichere Stellung zu kommen. Leider macht sich nun in manchen Fällen die berüchtigte, traurige Feststellung breit.

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