Interview mit Jan Schaeper, 35 Jahre, Skipper der Polaris

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Jan, Du bist als Skip der Polaris für die Sicherheit und das Leben Deiner Crew verantwortlich. Wie fühlt sich das an?
In der Tat ist das eine sehr große Herausforderung. Ich möchte, dass jeder gesund und munter ans Ziel kommt. Die Voraussetzung dafür ist der einwandfreie Zustand des Schiffes. Diesen zu bewahren kostet viel Zeit und Energie. Bei dieser Reise überqueren wir mehrere Wochen lang die Ozeane, da kann man nicht mal schnell anhalten und Hilfe erwarten. Die beste Problemlösung ist immer die Vermeidung. Als Kapitän muss man da mitunter die Rolle des Spielverderbers spielen und den Segelspaß zugunsten der Sicherheit etwas einbremsen.

Du arbeitest alle paar Wochen mit wechselnden Crews, ist das Risiko dadurch höher?
Das größere Sicherheitsrisiko sind die Menschen an Bord. Sie machen Fehler. Die mache ich auch. Das ist ganz normal. Die Nerven sind dann gespannt, wenn die Regeln an Bord trotz ausreichender Begründung wiederholt nicht eingehalten werden. Es kann gesundheitsgefährdend oder sogar lebensbedrohlich sein, wenn der Gashahn nicht zugedreht, die Seeventile offen, Öl auf dem Küchenfußboden oder die Rettungswesten nicht am Körper sind. Ein Kapitän wiederholt diesen Verhaltenskodex gebetsmühlenartig mit jeder neuen Crew. Das gehört zum Job dazu, auch wenn es nicht der interessanteste Part ist.

Braucht die Polaris denn mehr Pflege als andere Yachten, die man aus dem Chartergeschäft kennt?
Die Charteryachten brauchen ebenso Pflege und Wartung, sie stehen ihnen aber alle paar Tage bei Rückkehr in die Marina nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Die Polaris legt bei einer Ozeanüberquerung, wie hier auf dem Indischen Ozean von Cocos Keeling nach Mauritius, 2400 Seemeilen [ca. 5000 Kilometer] nonstop ohne Besuch eines Hafens zurück. Das ist vergleichbar mit der Menge, die eine durchschnittliche Charteryacht in fünf Saisons gefahren wird. Unser Boot muss also widerstandsfähiger sein, Verschleiß muss schnell erkannt und behoben werden, bevor er zur Gefahr wird.

Kann man denn in allen Ländern, die durch die ARC begleitet werden, den gleichen guten Service erwarten?
Natürlich kann man nicht überall die geordneten Strukturen erwarten, die wir in Deutschland kennen. Aber die Marinas, die momentan 23 World ARC-Yachten empfangen, sind stets auf die Invasion vorbereitet und das World ARC-Management gibt größeren Dienstleistungsbedarf bereits vor Ankunft bekannt. Wenn zum Beispiel ein Mast, ein Anker, ein Motor, ein Segel oder ähnliches schwer beschädigt wurde, steht bei Ankunft oft schon eine Lösung für das Problem bereit. Die Logistik von Ersatzteilen ist mitunter ein echtes Abenteuer. Unsere Verweildauer auf den Inseln ist manchmal recht kurz und so reiste uns einmal eine Antenne acht Wochen lang in der Karibik von Hafen zu Hafen hinterher. In Panama City kam sie dann endlich an. Auf Cocos Keeling Island erlebte eine andere Yacht eine positive Überraschung: ein neuer Ankermotor wurde innerhalb von zwei Tagen aus Australien per Flugzeug angeliefert.

Wie lange braucht man, um eine untrainierte Crew in die seglerischen Aufgaben zu integrieren?
Es kommt auf die persönlichen Interessen und Eigenschaften an. Solange die Neugier und der Wille zu lernen da sind, ist alles möglich. Nichts ist schlimmer als der Glaube, schon alles zu wissen. Auf unserer langen Reise sind Details sehr wichtig. Ich erwarte von jedem Respekt. Der Natur gegenüber. Meinem Zuhause, dem Boot, gegenüber. Und natürlich mir, dem Skipper, gegenüber. Den Respekt muss man sich umgekehrt schwer erarbeiten. Ich komme lieber einen Tag später aber dafür sicher an. Bei 75.000 Seemeilen, die diese Weltumsegelung mit sich bringt, schrumpft die Risikobereitschaft im Sinne einer Materialschlacht.

Wie groß sollte die Polaris-Crew mindestens (oder auch maximal) sein? Und würdest Du die Yacht im Zweifel auch allein handeln können?
Eine sechsköpfige Crew ist das Optimum für die Polaris. Diese Gruppengröße ermöglicht einen guten Wachplan und trotzdem noch Rückzugsmöglichkeiten an Bord. Sollten alle seekrank werden, könnte ich die Yacht für zwei bis drei Tage bewegen, aber irgendwann wären auch meine physischen und psychischen Grenzen erreicht.

Hast Du ein schnelles Geheimrezept gegen Seekrankheit?
Rum und Ingwer. [lacht] Ehrlich: Ingwer und Vitamin C sind immer gut. Im Essen, als Tee, zur Not in Form von Tabletten.

Für die Segelneulinge unter unseren Leser: Welche Ausrüstung sollte sich jeder zulegen und mitbringen, bevor er an Bord kommt?
Einer vernünftige Segelbekleidung ist das A und O. Auch auf der Barfußroute regnet es manchmal tagelang, wie wir gerade schmerzlich erfahren haben. Nasse Kleidung wird durch den Wind schnell kalt. Dazu gehören auch gute Segelstiefel, die rutschfest sind und mehrere Stunden Dauerregen aushalten. Grundsätzlich empfehle ich auch einen persönlichen Rettungspeilsender, die sogenannte private EPIRB. Nachts ist eine Stirnlampe mit weißem und rotem Licht hilfreich. Die kann man später auch hervorragend zum Wandern benutzen. Ganz wichtig: Etwas fürs Herz, zum Beispiel ein Foto von daheim. Das motiviert.

Welche Sicherheitsausstattung führt die Polaris mit sich?
Unsere elektronische Kommunikationsmittel bieten uns die Möglichkeit, im Ernstfall schnell um Rat oder Hilfe zu bitten. Dazu gehören Funk – UKW und SSB -, Imarsat, Satellitentelefon und die standartmäßigen Epirbgeräte sowie eine SART zur Ortung von Schiffbrüchigen. Außerdem ist das Schiff weitgehend autark. Wir können dank Windstromanlage, Solarpanelen und Hydrogenerator Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft gewinnen. Wasser bereiten wir mit unserer Entsalzungsanlage auf. Einzig Diesel für den Motor und Benzin für unser Dingi müssen wir ausreichend an Bord haben. Im Ernstfall steht uns noch ein Notstromaggregat zur Stromerzeugung zur Verfügung.

Darüber hinaus haben wir alles Erdenkliche doppelt an Bord. Angefangen bei Kleinteilen bis hin zum zweiten Grossegel und einer kompletten Notruderanlage.
Rettungsinsel, medizinische Ausrüstungund Rettungswesten der neuesten Generation sind natürlich Standard. Die Liste geht noch ewig so weiter. Am Besten lest ihr selbst auf der espotoworldtour.com Seite nach. Da ist der Umbau und die komplette Ausstattung im Detail beschrieben.

Wie hast Du Dich persönlich auf eine Ozeanüberquerung vor?
Zuallererst kenne ich das Boot in- und auswendig. Ich habe die Yacht selbst sechs Monate mit umgebaut. Ich weiß genau, was wie und wo verbaut ist und wie es gewartet wird. Meine erste Ausbildung als Mechatroniker hilft mir auch heute noch bei den handwerklichen Tätigkeiten an Bord. Außerdem habe ich an Worst Case-Schulungen teilgenommen und habe trainiert mit Extremsituationen wie Feuerausbruch, Wassereinbruch und das Verlassen des Bootes mit einer Rettungsinsel umzugehen. Dafür gibt es in Neustadt Schulungen von der Kreuzerabteilung.

Ich habe auch ein Praktikum in einer Intensivstation eines Krankenhauses vorgenommen. Der Schwerwettertörn von Stockholm nach Warnemünde war eine zusätzliche Trainingssession. Und trotzdem entstehen immer wieder Situationen, in denen ich dazu lerne und neue Routinen entwickle. Auf einem Boot ist man nie fertig mit Lernen.

Was genießt Du am Segeln? Welche Gefühle verbindest Du mit Deinem Job?
Ich genieße die Ruhe und das Zusammenspiel der Elemente. Irgendwie ist das ehrlicher als Materiellem hinterher zu rennen. In meinem letzten Job als Vertriebsleiter gehörten große Autos, teure Wohnungen, exzessiver Konsum irgendwie zu meinem Umfeld. Aber ich gehörte irgendwann nicht mehr dazu. Es beeindruckte mich nicht mehr. Seitdem ich segle, fand in mir ein Wertewandel statt, den ich nicht bereue.

Wann, wie und warum hast Du Dich dafür entschieden, Skipper zu werden und Kapitän der Polaris zu werden?
Der Marketingleiter von Teamgeist motivierte mich vor ein paar Jahren, den Segelschein zu machen. Segeln gehört zum Geschäftsmodell des Unternehmens und Steffen wusste einfach, dass ich es mögen würde. Und tatsächlich: Seit der ersten Minute war ich Feuer und Flamme. Nachdem ich mich mein Leben lang für schnelle Autos und Motorräder begeistert hatte, entdeckte ich eine weitere Liebe und blieb dran. Michael, der Teamgeister-Gründer, unterstützte mich dabei.

Gibt es etwas, was Du auf See vermisst oder worauf Du Dich freust, sobald wieder Land in Sicht ist?
Die heiße Dusche aus der Wand und eine Partymeile mit hübschen Mädels. [schmunzelt] Und natürlich meine Freunde! Die Zivilisation ist ab und zu für ein paar Tage sehr schön.

Welche Bedingungen machen Dir am meisten Spaß?
Ich mag das Segeln am liebsten sportlich. Viel Wind, viele Wellen. Ich brenne für Herausforderungen, für das Spiel mit der Natur. Das Segeln auf der Polaris ist bewusst eher konservativ. Hier geht es um eine enspannte Reise, nicht um den ersten Platz.

Gab es schon einmal gefährliche Situationen, auf deren Meisterung Du im Nachhinein mit Stolz zurück blickst?
Oh, das ist eine zweischneidige Angelegenheit: Eine Gefahr gilt es immer zu vermeiden und insofern ist Stolz vielleicht der falsche Begriff. Erleichterung und das Wissen, eine neue Erfahrung gesammelt zu haben, um in Zukunft sensibler für diese Art des Problems zu sein, trifft es wohl eher. Wir hatten auf dem Weg von Warnemünde auf die Kanaren, während der ARC und der World ARC schon öfter Starkwinde, aber noch nie Sturm. Diese Starkwinde optimal zu nutzen, finde ich spannend und ist bisher immer gut gelungen.

Ist denn noch nie etwas schief gegangen?
Doch. Bei der Atlantiküberquerung ist eine Saling kaputt gegangen, weil wir das Vorsegel nicht rechtzeitig gerefft haben. Mit dem Ergebnis, dass wir die 300 Seemeilen bis zum Ziel auf Sant Lucia in den Kleinen Antillen nur mit Vorsegel zurücklegen mussten. Sehr ärgerlich! Ich hatte hier einer Crew nachgegeben, der das schnelle Segeln so viel Spaß machte. Ich wollte ihn nicht verderben. Solche Erfahrungen prägen. Meine Intuition trügt nicht und von der Crew erwarte ich dann Verständnis und Präzision.

Unsere Yacht scheint mir wie eine schwimmende Werkstatt. Ist die Ausstattung an Werkzeugen und Arbeitsgerät üblich oder hat die Polaris hier Einzigartigkeits-Status?
Die Yacht ist so ausgestattet, dass wir nahezu alle Probleme selbst lösen können. Wir hatten aufgrund unseres Schraubstocks, der im Salon ausfahrbar eingebaut ist, sogar schon Reporter, die ARC-Organisatoren und Regattabootinhaber zu Besuch unter Deck. Kendie, der Technische Leiter von Teamgeist hat sich hier ausgetobt und an Alles gedacht. Er ist unser Mc Gyver, er baut ein Motorboot aus einem Kaugunmmi und hat auch mir vieles beigebracht.

Unser zweites Badezimmer ist zum Segelraum mutiert. Was lagert dort eigentlich?
Wir sind weit über die Standards einer regulären Segelyacht ausgestattet. Wir führen jedes Segel doppelt mit, also vier Vorsegel in verschiedenen Größen, drei Spinnaker, einen Blister und ein zweites Großsegel. Sollte etwas kaputt gehen, haben wir Ersatz. Eine sehr konservative Planung, die sich gut anfühlt.

Man hat den Eindruck, dass es kein Problem gibt, das Du nicht innerhalb von kürzester Zeit im Griff hast. Wo hast Du all die Kompetenzen gesammelt, die Du für diese Weltumsegelung brauchst?
Einerseits greife ich, wie bereits erwähnt, auf eine intensive Vorbereitungsphase und Erfahrungen aus vorherigen Tätigkeiten zurück. Aber ich kann auch sehr gut fokussieren, wenn eine schwierige Situation eintritt und dann zählt Kreativität. Alles andere ist learning by doing.

Kannst Du Dir eigenlich noch einen anderen Job vorstellen, zum Beispiel an Land?
Auf gar keinen Fall.

Wie pflegst Du Freundschaften zu Hause? Gibt es Momente, in denen Du Deine Heimat vermisst?
Ja natürlich. Ich denke ständig an die Menschen, die mir wichtig sind. Am liebsten würde ich die vielen Abenteuer auf See mit ihnen teilen. Über Facebook und What’s App bleiben wir überall auf der Welt in Kontakt.

Gibt es etwas, was Du gern lernen würdest oder wovon Du im Moment träumst?
Sportarten wie Kitesurfen, Surfen und Tauchen interessieren mich grundsätzlich. Aber am liebsten würde ich mich auf Regattaboote spezialisieren und an echten Races teilnehmen. Segeln am Limit, da wo es um Geschwindigkeit geht und weniger um das Material. Das ist mein Traum.

Welche Destinationen haben Dir bisher am besten gefallen? Wo möchtest Du am liebsten noch mehr Zeit verbringen?
Die San Blas Islands haben wohl alle Crewmitglieder fasziniert. Galapagos möchte ich noch einmal besuchen. Dort kann man die Natur so erleben, wie sie ohne Menschen wäre. Auf Cocos Keeling im Indischen Ozean würde ich eine Weile ausharren können. Das Atoll, bietet mit Shops und Internet gerade so die nötige Infrastruktur, um sich wohl zu fühlen, aber eben ohne zuviel Trubel. Die Strände, der Dschungel aus Kokospalmen und das Klima sind fantastisch. Man kann hervorragend Schnorcheln, Tauchen, Wellenreiten, Surfen, Kiten, am Strand liegen oder Fischen. Auch online kann man, zwar etwas eingeschränkter als in Europa, arbeiten. Die Menschen vermitteln eine warmherzige Atmosphäre.

Was planst Du nach dieser World ARC, die im kommenden Jahr in der Karibik ihr Grand Finale feiern wird?
Zunächst geht es Anfang Mai 2015 von den British Virgin Islands über Bermuda mit der ARC-Europe auf dem nördlichen Atlantik nach Portugal. Von da aus dann über Portugal, Spanien, Frankreich, England, Belgien und die Niederlande zurück nach Deutschland. Am 08. August 2015 ist unsere Ankunft in Warnemünde geplant. Auf allen Etappen sind noch wenige Plätze frei. Informieren, buchen und nachlesen kannst Du das auf: espotoworldtour.com/etappen. Nach meiner Rückkehr nehme mir zwei Monate Pause und den Rest werde ich mit Michael besprechen. Die Möglichkeiten sind unendlich.

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