Interview mit Michael Haufe

von Sheila Rietscher

Michael, man sieht Dich täglich ein paar Stunden am Notebook arbeiten und gelegentlich Telefonate per Satellitentelefon führen. Wie funktioniert die Steuerung eines Unternehmens auf einer Segelreise um die Welt?

Das Wichtigste ist eine gute Vorbereitung des betrieblichen Umfeldes auf die neue Situation. Wir mussten alle unsere Erwartungen anpassen und uns bewusst werden, dass ich von nun an von unterwegs arbeite. Und damit meine ich auch, mir darüber im Klaren zu sein, dass es eben kein reiner Urlaubstörn ist, den ich hier vornehme. Ich schalte mich also jeden Tag zu den Projekten und Menschen und übernehme meinen strategischen Part ohne enge Deadlines, während andere zu Hause das operative Geschäft steuern. Dazu gehören Vertrauen und die richtigen Menschen an den entscheidenden Positionen. Ich habe kein Problem damit, dass andere jetzt Entscheidungen treffen, weil ich weiß, dass alle in meinem Sinne arbeiten. Isabel unserer weiteren Geschäftsführerin spielt hier eine Schlüsselrolle. Dank ihr, habe ich ein gutes Gefühl bei diesem Projekt Espoto Worldtour. Und wenn ich dann von meinem Arbeitsplatz unter Deck aufstehen, die Niedergang hinauf gehe und auf das unendliche Meer schaue, dann fühle mich einfach glücklich, diesen Weg gegangen zu sein.

 

Arbeiten auf dem Wasser und unter Palmen. Das hört sich nach einem Modell an, von dem viele träumen. Bist Du Zweiflern und Neidern begegnet?

Aus meiner Perspektive entsteht Missgunst immer dann, wenn jemand selbst nicht den Mut, einen neuen Weg zu haben. Es ist menschlich und gesund, ein bisschen Neid zu empfinden. Er kann einem die Augen öffnen, er kann inspirieren und er kann ein Motor sein. Mein Ziel ist es immer, andere Menschen zum Nachdenken anzuregen und ihnen Alternativen zu zeigen. Negative Gefühle sind destruktiv und berühren mich wenig. In einer Geschäftsbeziehung wäre Neid natürlich schädlich.

 

Warum realisiert nur ein so kleiner Prozentsatz Gesellschaft den eigenen Traum vom Reisen?

Aus Wünschen werden Ziele. Aus einem wichtigen Wunsch muss man ein konkretes Ziel unter Berücksichtigung aller Barrieren und Ressourcen formulieren. Die Realisierung ehrgeiziger Ziele brauchen Leidenschaft. Dank Leideschaft hat man die Kraft und die Energie, Barrieren und Hindernisse abzuschaffen. Man richtet automatisch alles nach diesem Ziel aus. Das Fokussieren auf einen großen Traum bringt Verzicht mit sich, welcher für den, der vor Leidenschaft glüht, keinen Verzicht mehr darstellt.

 

Welche besondere Ausstattung bietet Deine Segelyacht, um das Arbeiten an Bord zu erleichtern? Welche Kommunikationsmittel habt Ihr extra installiert?

Wir haben eine spezielle Elektrik installiert, um über Kurzwellenempfänger Emails, die sogenannte Sailmail, überall auf der Welt versenden zu können. Das ist eine recht einfache Varianten. Etwas kostenintensiver war die Satellitenanlage, mit der man telefonieren und Daten transferieren kann. Ich bin damit in der Lage, mittem im Indischen Ozean mit dem Büro zu kommunizieren. Im Hafen arbeiten wir mit einem starken Wlan, gekoppelt mit einer Mobilfunkanlage.

 

Viele von uns verbringen zahlreiche Stunden ihres Berufslebens in Meetings und können sich nicht vorstellen, dass Management ohne persönlichen Kontakt möglich ist. Jetzt mal ehrlich: Funktioniert die Kommunikation denn wirklich gut? Willst Du Dich nicht manchmal schnell nach Hause beamen?

Das ist in der Tat ein komplett neuer Arbeitsstil für mich und mein Team. Die ersten Monate waren eine Eingewöhnungsphase. Was mir vorher nicht klar war: Ich muss jegliche Informationen und Unterlagen anderen zugänglich machen und bin damit zu 100% transparent. Das führt natürlich dazu, dass Konzepte, Kalkulationen und ähnliches geprüft und in Frage gestellt werden können. Und dann muss man die Größe haben, sich auf neue Lösungswege einzulassen. Natürlich bleibt Undringendes liegen, aber das kann dann auch auf mich warten. Im Notfall sind spontane Flüge schnell gebucht. Bei Heimatbesuchen kann ich Privates und Geschäftliches kombinieren und wichtige Termine koordinieren. Darüber mache ich mir keine Sorgen.

 

Wie und wie lange hast Du Dich auf diesen Segeltörn vorbereitet?

So eine Reise bereitet man ein Leben lang vor. Sie entspricht exakt meiner Persönlichkeit und war für die wenigsten eine echte Überraschung. Überhaupt habe ich versucht, jeglichen Überraschungseffekt auszuschließen. Vor fünf Jahren habe ich meine Familie, also meine Eltern, meine Frau und meine Kinder an meiner Idee teilhaben lassen. Zur gleichen Zeit habe ich mein Team darauf vorbereitet und alle in die Planungsphase mit eingebunden. So ist jeder ein Teil des Projektes und einige konnten Etappen des Törn mit begleiten.

Welche Parameter sollten für ideale Verknüpfung aus Karriere und Reisen vorhanden sein?

Das A und O sind die mentale und physische Gesundheit. Nur dann kann man überhaupt erst lossegeln. Und sehr wichtig ist die Absicherung des privaten und geschäftliches Umfeldes. Worst Case-Szenarien, wie der Todesfall, müssen geklärt sein. Ich musste Entscheidungen treffen, die andere erst viel später im Leben in Angriff nehmen.

Warum kam für Dich der klassische Weg – erst 100% Karriere und dann 100% Auszeit in höherem Alter – nicht in Frage?

Oh, da habe ich zwei Einwände. Erstens verzichte ich auf das Wort Karriere. Selbst Beruf oder Arbeit treffen nicht, was ich hier lebe. Ich tue genau das, was ich tun möchte. Leidenschaft, Berufung, Lebensaufgabe: Ja. Karriere: Nein. Hinter diesem Wort steckt mir zuviel Zwang und sich vergleichen müssen.

Zweitens: Die Weltreise ist keine Auszeit. Die Espoto Worldtour ist ein Projekt, ein Generaltest, ein Versuchslabor.

 

Das musst Du uns genauer erklären.

Vor ungefähr 15 Jahren habe ich mir die Frage gestellt: Wann hast du es geschafft? Andere würden sagen: Wenn ich 10 Millionen Euro auf dem Konto habe. Aber das interessiert mich nicht. Ich wusste, dass ich es dann geschafft habe, wenn meine Marke auch ohne mich existieren und mein Unternehmen auch ohne meine persönliche Anwesenheit erfolgreich ist.

 

Das ist eine ungewöhnliche Zieldefinition. Viele Menschen mögen das Gefühl, gebraucht zu werden, unverzichtbar zu sein. Wie kamst Du zu dieser Erkenntnis?

Ich habe beobachtet, wie Lebenswerke älterer Geschäftsfreunde untergingen, weil keine Nachfolge gefunden werden konnte. Ich habe gesehen, dass Familienunternehmen an fehlenden oder desinteressierten Erben scheitern. Ich musste erleben, wie Freunde, die stets als unersätzliche Patriarchen agiert hatten, plötzlich den Generationswechsel nicht schafften. Ich fand das traurig und erschreckend. Und ich wusste, ich möchte bald ein unabhängiges Unternehmen haben. Was ich mit der gewonnenen Zeit mache werde, hatte ich mir damals nicht überlegt.

 

Welche Rolle spielt Geld bei diesem Plan?

Mit diesem Modell verdiene bei weitem nicht so viel Geld wie andere Unternehmer. Ich habe große Summen in Strukturen investiert , die meinen Traum ermöglichen, vor allem in IT und Human Ressources. Das ist der Preis für die Freiheit, so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich stellte mir die Frage, ob ich einen zweiten Geschäftsführer brauche, habe meine Gehalt halbiert und meine Geschäfts-Partnerin Isabel eingestellt, die auch als Einzige am Unternehmen beteiligt ist.

 

Diese Strategie könnte Vorbildfunktion für eine heranwachsende Managementebene der Generation Y sein. Inwiefern teilst Du Deine Erfahrungen?  

Ich habe in Vereinen, Verbänden und als Aufsichtsratsmitglied mein Wissen weitergegeben. Im Moment liegt dieses Engagement allerdings brach. Was diese Reise betrifft: Sie ist ein Generaltest. Wenn dieser gelingt, oder auch teilweise gelingt, veröffentliche ich ein Buch mit meien Erfahrungen.

 

Die Reise um die Welt feiert gerade ihre Halbzeit. Geht Dein Plan bis jetzt auf?

Vor meiner Abfahrt von Zuhause habe ich mir drei Worst Case Szenarien vorgestellt, die das Projekt Espotoworldtour gefährden könnten. Zwei davon sind eingetroffen. Die schwere Krankheit meines Vaters und eine wirtschaftlich kritische Situation in der Firma. Beides passierte in den ersten Monaten nach Ablegen in der Karibik. Deshalb habe ich meine Anwesenheit an Bord für 14 Tage unterbrochen, um für die Menschen und das Geschäft persönlich da zu sein.

 

Deine Frau und Kinder sind bereits etappenweise mitgesegelt. Wie gehen Du und Deine Familie mit den langen Trennungsphasen um?

Meine Familie konnte sich entscheiden, mich die gesamte Strecke zu begleiten. Meine Frau hat sich dafür entschieden, nur etappenweise dabei zu sein. So umgingen wir auch die Diskussion zur Schulpflicht meiner Tochter. Die Ferienphasen mit Kind und Kegel an Bord sind wunderschön, weil ich meine Erlebnisse lieber teile als sie für mich allein zu haben. Ich habe das Gefühl, dass uns die extreme Entfernung und dann wieder die extreme Nähe noch mehr zusammenschweißen. Meinen Kindern gegenüber [Tochter 14, Sohn 4] hatte ich anfangs Schuldgefühle. Bis ich merkte, dass ich ihnen in der Zeit, die ich mit ihnen an Bord verbringe so viel zeigen und geben kann. Ich biete ihnen ein Stück von der Welt und das macht mich stolz. Die gegenseitige Sehnsucht ist zum ersten Mal in meinem Leben so stark. Es hört sich vielleicht etwas befremdlich an, aber ich genieße diese tiefen Gefühle und bin im Reinen mit mir. Meine Vaterrolle ist mir wichtig und ich rufe meine Familie so oft wie möglich an.

 

Welche Destination hat Dir bisher am besten gefallen und gab es einen Ort, an dem Du Dich am liebsten niedergelassen hättest?

Es gibtbisher keinen Ort auf der Welt, an den ich meinen Lebenmittelpunkt verlegen möchte. Wir leben in Deutschland sehr privilegiert. Und einmal abgesehen vom ohnehin hohen Lebensstandard ohne Versorgungsprobleme, logistische Barrieren oder Mangel an Bildung: Selbst ein gewöhnlicher Arbeitnehmer kann es sich hin und wieder leisten, seine Traumziele zu bereisen.

Der für mich bisher faszinierendste Ort war Lizard Island im Great Barrier Reef vor Australiens Ostküste. Die Kombination aus klarstem Wasser, weißestem Strand, wilder Natur und gigantischen Bedingungen zum Schnorcheln, Tauchen, Schwimmen, Wandern und Yoga praktizieren haben mich sofort überzeugt. Mit meiner Tochter konnte ich einen richtig tollen Tauchgang teilen. Erinnerungen, die für immer bleiben.

 

Wenn Du ab und zu nach Hause fliegst, wie gelingt Dir die Integration in das „alte“, „anderes“ Leben?

Ich war erst einmal wieder zu Hause und habe mich wie ein Besucher aus einer anderen Welt gefühlt. Ich wusste, mein Segelboot ist gerade ohne mich auf dem Meer unterwegs und eigentlich sollte ich dort sein. Andererseits waren die Tage vollgestopft. Wie bereits berichtet, war der Grund für die Heimreise kein angenehmer. Wenn man wählen kann, sollte man nicht hin- und herwechseln.

 

In ein paar Monaten wird die World ARC ihr finales Ziel, St. Lucia in der Karibik, erreichen. Macht Dir dieser Termin Sorgen? Wie geht es danach weiter für Dich?

Ich bin mir über die Endlichkeit des Projektes im Klaren und ich freue mich sehr darauf, nach Hause zu kommen und mir intensiv Zeit für meine Kinder zu nehmen. Ich muss gestehen: Ich bin jetzt bereits angekommen. Ich habe zum allerersten Mal im Leben das Gefühl, keinem Ziel hinterherhetzen zu müssen oder zu wollen. Ich verspüre eine starke innere Ruhe und Zufriedenheit. Früher brauchte ich nach Abschluss einer Sache immer sofort das nächste Projekt, um nicht in ein Loch zu fallen. Jetzt genieße ich es, einfach noch keine neuen Pläne schmieden zu müssen.

 

Wir scherzen hier täglich über den Dönerspieß, die Kaffeebar, die kardanisch aufgehängten Kojen oder die Schlachtbank für unseren üppigen Fischfang, die sich die Crew noch auf das Schiff wünscht. Gibt es Dinge, die Ihr bei unbegrenzten Mitteln gern noch eingebaut hättet?

Nein! Wir haben alles Notwendige für Reise- und Bootstyp eingebaut. Die Ausstattung ist optimal auf Sicherheit und alle wichtigen Grundbedürfnisse ausgerichtet.

 

Du bist also wirklich wunschlos glücklich? Wenn ich Dir 100.000 Euro auf den Tisch legen würde, die Du für die Polaris ausgeben müsstest, wie würdest Du investieren?

Dann würde ich einen größeren Motor einbauen, um in Flaute-Phasen schneller voran zu kommen. Gott sei dank gab es bisher nur wenige Seemeilen unter Motor.

 

Gibt es etwas, was Du auf den Reise vermisst bzw. etwas, worauf Du Dich bei Landgängen besonders freust?

Ich freue mich immer auf das Ankommen. Vor allem mit einem ganzen Schiff und einer heilen Crew. Ich freue mich darauf, mit einem Scooter, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, ein neues Eiland zu erkunden. In Mauritius werde ich nach einer schönen Bar mit Wlan-Anschluss suchen und mir einen wirklich guten Espresso bestellen. Und wir, die Crew, werden zusammen Ausgehen und Tanzen und auf das gute Leben anstoßen.

 

Wir sehen Dich regelmäßig in spannenden Positionen auf dem Vordeck. Was bedeutet Yoga für Dich? Wie hast Du es entdeckt und wie fühlt sich Yoga auf einer schaukelnden Segelyacht an?

Ich betreibe diesen Sport seit sechs Jahren und treffe mich zu Hause regelmäßig mit meinem Trainer. Mich begeistert die Mischung aus Atemtechnik und körperlicher Beanspruchung. Yoga trägt wesentlich zu meinem inneren Gleichgewicht und meiner Gelassenheit bei. An Bord gelange ich aufgrund der Bewegungen des Schiffes und der steten Achtsamkeit auf die Wellen nicht an den Punkt der Tiefenmeditation, aber ich bewege und stretche den Körper. An die besondere Situation habe ich mich gewöhnt.

 

Nicht jeden Tag ist das Segeln wirklich Sport für den Körper. An Bord hat man viel Zeit zum Ausruhen, zum Essen und Trinken. Du siehst allerdings sehr gut trainiert aus. Wie hältst Du Dich ansonsten noch fit?

Man muss ja nicht viel machen, um fit zu bleiben. Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Bei wenig Wind ist das natürlich leichter. Sit-ups, Liegenstützen, KIimmzüge, Stretching und Yoga, also ein schönes Workout auf dem Vordeck sind immer möglich.

 

Fühlst Du Dich als Exot unter den World ARC-Teilnehmern?

Ich bin natürlich etwas jünger als der Durchschnitt der Eigner. Aber vor allem meine Art des Reisens ist anders. Ich führe von Bord aus ein Unternehmen. Damit bin ich ein Exot.

 

Viele andere Segelyachten der World Arc haben recht konstante Crewmitglieder. Du triffst alle paar Wochen auf neue Crews. Mal Menschen, die Du schon kennst, mal Menschen, die Du erst an Bord zu ersten Mal triffst. Was war Deine interessanteste Begegnung und warum ist es für Dich erstrebenswert, die Karten regelmäßig neu zu mischen?

Ich muss eines vorwegschicken: Mir geht es darum, mein Projekt zu realisieren, und nicht darum, Umsatz mit einer Crew zu generieren. Wir müssen nicht jeden mitnehmen. Wir hatten bisher einfach großes Glück: Jede Crew war eine echte Bereicherung für mich und die Reise. Wertvoll finde ich immer die Mischung der Menschen. Ich möchte ungern eine Person hervorheben und doch gebe ich zu, dass ich froh bin, meine Familie, meine Geschäftspartnerin Isabel und meinen besten Freund Ricco an Bord gehabt zu haben. Sie alle bilden ein Stück zu Hause. Das sind Menschen, denen ich bedingungslos vertraue und denen ich dankbar bin für die große Unterstützung, die sie täglich leisten.

 

Welche geschäftlichen Entwicklungen sind bei Teamgeist und espoto zu erwarten?

Wir bauen die Software espoto weiter aus und kurbeln den Vertrieb an. Das steht fest. Was viele nicht wissen: Wir verfolgen bereits seit fast 20 Jahren Segelprojekt auf der hohen See und das Training von Hochleistungsteams. Die Erfahrungen, die diese Reise mit sich bringt, wird das Geschäftsmodell von Teamgeist sicherlich bereichern. Ansonsten möchte ich mich im Moment auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

—————-

Und ihr? Habt Ihr noch Fragen an die Polaris-Crew? Stellt Eure Fragen direkt als Kommentar oder sendet Micha eine Email an info@espotoworldtour.com.

Tags: , ,

Noch keine Kommentare.

Jetzt einen Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .

+