Walfisch voraus – Eine Nacht auf der Polaris

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Ich sitze mit Tom, dem ehemaligen Banker aus Linz, der das Büro gegen ein Leben auf dem Meer getauscht hat, auf Deck der Polaris. Jan, unser fleißiger Skipper, und Luis, der gut gelaunte Informatiker, der sich ein Abenteuer vor Antritt eines neuen Jobs in Zürich gönnt, schlummern friedlich in ihren Kojen. Der Autopilot steuert uns durch die ruhige Nacht, 12 Knoten Wind, keine Wellen, es geht gemächlich voran. Tom reicht mit sein Ipad und zeigt mit mir die Sterne-App „Sky Guide“. Ich bin begeistert! Tom zeigt mir den „Skorpion“, der sich klar und deutlich über dem Mast platziert hat. Steuerbord querab der „Stier“. Ich freue mich: Mein Sternzeichen! Eigentlich sind Sterne doch langweilig. Sie hängen herum, bewegen sich nicht, verändern sich lediglich in Slow Motion. Das lumineszierende Plankton, das wie ein glitzernder Teppich auf LED-Lichtern um das Boot herum tanzt, ist doch da viel spannender. Aber dann zeigt es mir der Himmel: eine Sternschnuppe, noch eine, und noch eine. So viele Wünsche auf einmal kann man doch gar nicht äußern. Oder doch? Und dann mache ich eine Entdeckung: „Achterdeck“, „Schiffskiel“, „Segel“ – wer hätte gedacht, dass die Sterne-App ein ganzes Segelschiff zum Vorschein bringt? Backbord achteraus, gleich neben dem „Fliegenden Fisch“ und dem „Schwertfisch“, das „Kreuz des Südens“ backbord querab. Und ich lese, dass letztere Sternbilder von den niederländischen Seefahrern Pieter Dirkszoon Keyser und Frederick de Houtman Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt wurden und das Kreuz des Südens schon 1501 als Orientierungshilfe diente. Tom und ich sagen fast gleichzeitig: „Wie sind wohl früher die großen Entdecker gereist?“, so ganz ohne GPS, so ganz ohne Ipad, Kühlschrank, Solarzellen, Satellitentelefon, Funkgerät. Am nächsten Tag erzählt Captain Jan, dass lebende Tiere mitgereist sind, so dass frisches Fleisch stets nachwachsen konnte. Wie auf der Arche Noah! Wenn eine Flaute gar zu lange anhielt, mussten auch die Pferde zur Ernährung der Mannschaft dienen. Westlich von Afrika entstand in Äquatornähe deshalb die Bezeichnung „Rossbreiten“ für eine windstille Region.

2:00

Der fliegende Fisch erscheint in neuer Form. Luis kommt an Bord, um die Wache zu übernehmen von 2:00 bis 7:00 Uhr zu übernehmen. Er hält einen Überraschungsgast in der Hand, der durch die Luke in seiner Kajüte geflogen kam. Der kleine silberschimmernde Besucher hat leider nicht überlebt. Wir beobachten weiter das Treiben auf dem Indischen Ozean und wir lachen: die fliegenden Fische auf der Backbordseite sind immer rot und die auf der Steuerbordseite immer grün. Ein schönes Rätsel für alle Nichtsegler.

3:00

Die Wellen werden größer und der Autopilot signalisiert: Kurs kann nicht gehalten werden. Luis beschließt, per Hand zu steuern. In den ersten Minuten scheppern die Töpfe in den Schränken und ich rutsche von meiner Bank auf der Luv-Seite. Tom hatte mir kleines Seil mit mehreren Achtknoten an den Griff im Cockpit befestigt, um mich vor Stürzen im Halbschlaf zu schützen. Nach ein paar Minuten hat Luis den Dreh im wahrsten Sinne des Wortes heraus und das Boot läuft sanft wie ein „Meer“-Kätzchen. Ich koche noch einen Lombok-Kaffee aus Indonesien in der italienischen Caffétiera auf unserem Gasherd, auf dem wir vorsorglich für den Fall eines Sturmes den Kochtopf festgebunden haben. In einer anderen, stürmischen Nacht mit 5 Meter hohen Wellen und 25 Knoten Wind schlafen Jan, Tom und Luis an Deck, es sieht aus wie beim Bundeswehr-Biwak und stündlich wechselt der Steuermann. Gulascheintopf von Tom, Nudelsuppe von Jan, Spaghetti Bolognese aus Crew-Teamwork und jede Menge Tee stehen zum schnellen Verzehr bereit.

4:00

Ich krieche in meine Koje und lasse mich in den Schlaf schaukeln. Ich schlafe in der Luv-Kajüte und rolle gelegentlich gegen das Surfbrett in meinem Bett. Wie passend! Es ist kuschelig warm, die Luken sind offen und ich lausche den Wellen und den Geräuschen des Bootes. In einer andere Nacht hat Tom zu dieser Zeit einen blinden Passagier an Bord. Ein Boobie ist müde vom Fliegen und Fische fangen und setzt sich für eine Stunde mit ins Cockpit und lässt sich ohne Scheu vor dem Steuermann chauffieren, bis er entspannt wieder davon fliegt.

6:00

Jan steht auf und löst Luis ab. Beide schauen den Sonnenaufgang an und genießen die Ruhe. Ich schlummere friedlich, das Schaukeln des Bootes und die aufregenden Tage tragen zu einem tiefen Schlaf bei.

7:00

Luis verabschiedet sich in seine Koje.

8:00

Ich stehe auf, begrüße Jan im Cockpit und starte mit der Frühstücksvorbereitung. Solange noch Eier an Bord sind, gibt es abwechselnd Rührei und Spiegelei und die Männer sind glücklich. In der Zwischenzeit eröffnet Tom den täglichen Duschclub. Geduscht wird mit Salzwasser, frisch geschöpft mit einem Eimer. Das Wasser hat 28° Celsius, angenehm für eine erfrischende Dusche. Danach ein kurzes Abspülen mit dem knappen Frischwasser an Bord. Plötzlich höre ich im Salon ein Rufen von Deck: „Delphine, Delphine!“. So schnell bin ich die Treppenstufen noch hinauf gesprungen. Und da sind sie: eine ganze Schule von ungefähr 30 Tieren, die neugierig um das Boot herumspringen. Ich versuche sie zu fotografieren, aber sie sind zu schnell und ich freue mich wie ein Schneekönig. So beginnt ein neuer Tag auf dem Indischen Ozean und in unserem neuen, perfekten Zuhause, der Polaris.

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