300 Tage – Wenig und doch Viel

Die letzten 7 Tage von Reunion bis kurz vor Richards Bay, Südafrika, sind seglerisch die anspruchsvollsten und abwechslungsreichsten der gesamten Reise. Nach Flaute, drehenden Winden, 2 Tagen Sturmfahrt mit meterhohen brechenden weißen Riesen und einem steten Wach- Schlafrythmus kommt der Körper langsam in einen Ermüdungszustand. Jetzt heißt es, die individuellen Ressourcen gut einteilen und die persönliche Motivation und Leistungsfähigkeit aufrecht erhalten. Zum Beispiel wird geschlafen, wann immer es geht, wird an Bord weiterhin bestmöglich Ordnung gehalten, wird so gut gekocht, wie es die Schräglage dem Herd erlaubt und viele Kleinigkeiten mehr. Oftmals heißt es Durchhalten und Verzicht. Zurecht kann man sich von Ferne aus fragen was daran noch Spaß macht! Für mich ist es die Reduktion auf das Wesentliche, die Schaltung des Körper und des Geistes auf ein anderes Programm, welches uns solche Situationen bewältigen lässt.

Rückblick 9. November

Den 9. November verbrachten wir auf See, einen Tag, bevor wir Richards Bay erreichten. Der 9. November bedeutet für mich heute 300 Tage Abenteuer, Herausforderung und Lebenstraum auf See. Vor 25 Jahren eröffnete er mir den Weg in eine Freiheit des Reisens und der Verwirklichung persönlicher Träume und Ziele. Ich verbrachte ihn in Gefechtsbereitschaft bei der Nationalen Volksarmee zur Sicherung der Grenzen. Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt wirklich, wie es weiter gehen würde und was kommen würde. Und wir, in den geschlossenen Kasernen, noch viel weniger. Ich wurde im Januar aus einer nicht mehr existierenden Armee entlassen, ging an die Ostsee und eröffnete dort am feinsten Sandstrand, mitten im geschichtsträchtigen Sperrgebiet von Peenemünde, eine Surfschule. Mein größter, in der DDR unerreichbarer, Kindheitstraum erfüllte sich unerwartet schnell.

In einem einfachen Wohnwagen der Marke Bastei, inmitten eines Kiefernwaldes, hinter der Sanddüne hatte ich 10 Surfboards, 1 Schlauchboot und den schönsten menschenleeren Strand auf der Insel Usedom für mich. Es waren die minimalistischsten Monate meines Lebens. Das Wasser holte ich mir aus dem 5km entfernten Karlshagen mit einem Fahrrad, auf die Toiletten ging ich mit dem Spaten in den Wald und meine Arbeitsbekleidung war die Badehose oder nichts, da dieser Abschnitt vor dem 9. November heimlich von den Einwohnern des angrenzenden Ortes durch ein Loch im Zaun als FKK-Strand genutzt wurde. So kam es auch vor, dass der Unterricht mal in Textil oder mal in komplexer Natürlichkeit stattfand. Heute ist das undenkbar. Kunden gab es hauptsächlich in den Sommerferien, deren Ende auch das Ende meines Robinson Lebens darstellte. Das Studium rief mich nach Berlin.

Im vierten Semester sollte sich mein unternehmerisches Schicksal entscheiden. Während der Organisation und Durchführung der deutschen Hochschulmeisterschaften im Windsurfen übernahm ich den Studentenjob des Aufbaus einer Wassersportstation für einen Verein bei Berlin und begab mich dafür in die Selbständigkeit. All mein bis dahin gespartes Westgeld und ein erstes Darlehen in eben dieser Währung investierte ich in einen Opel Kombi, der meine Mobilität sowie meinen Schlafplatz sicherstellte. Über zwei Jahre lebte ich im Sommer in diesem Fahrzeug während meiner Gründerzeit. Die sanitären Anlagen waren zivilisierter als bei meinem ersten Job, aber die Behausung kleiner. Meine jetzige Frau durfte mich in meinem „Mobile Home“ besuchen und lernte die minimalistische Denkweise kennen (und lieben? :-).

1995 übernahm ich zum ersten Mal den Job eines Skippers im Mittelmeer. An Bord einer 33 Fuß Yacht eines Freundes und Mentors nahm ich mein Bett im Salon ein. Mein Staufach für persönlich Gegenstände war nicht mehr als das Handgepäckfach im Flieger. Unmöglich für einen 6-wöchigen Aufenthalt denkt man. Ich empfand zu dieser Zeit daselbe und musste meine restlichen Sachen in der Tasche an einem anderen Ort verstauen. Schnell merkte ich, dass es an Bord sehr wenig gibt, was man wirklich benötigt. Es reichen in warmen Segelgebieten 3 Shirts, 3 Unterhosen, 2 kurze Hosen, 1 Funktionspullover und eine Segeljacke, Badelatschen und sehr gute Segelstiefel aus. Gewaschen und getrocknet ist an Bord alles schnell. Ein Bettlaken als Decke und diverse Kleinutensilien wie Stirnlampe, Messer und so weiter ergänzen die Ausrüstung. Ich rührte die Tasche im Lagerraum nicht einmal an und flog mit sauberen Sachen nach Hause. Eine Lehre, die viele Segler in ihren ersten Jahren erfahren und gerade diese Form des Kleingepäcks schätzen lernen.

Die intensiven Erfahrungen in den Monaten auf einer Yacht formten in mir den Wunsch, eine eigene Yacht im Alter von 55 Jahren zu besitzen. Der Wunsch war so stark, dass ich mit einer guten Projektidee das Geld in Form eines weiteren Darlehens auftrieb. 1997 kam ich in Besitz meiner ersten 41 Fuß Hochseeyacht und 1998 wohnte ich den Sommer über mit Peggy auf meinem „Traum mit 55“. Es war einer der prägendsten Erlebnisse und schönsten Monate in meinem Unternehmerleben. Tagsüber war meine Wohnung auf dem See unterwegs, abends wohnten wir auf ihr. Leider konnte ich meine polizeiliche Meldeadresse nicht auf dem Schiff angeben. Dies sehen die deutschen Behörden nicht vor. Alles ordnete sich dem Unternehmerdasein unter. Wir haben auf viele Dinge verzichtet, um persönliche Freiheit zu gewinnen und die größte Errungenschaft vom 9. November 1989 zu leben. Die Freiheit zu reisen und die Chance, seine Träume zu verwirklichen. Heute werde ich sehr oft gefragt: „Was hältst Du von einem Bootskauf?“. Ich sage dazu immer „Nichts! Miete Dir lieber an Deinen Traumzielen eins“. Meistens kauft sich der Fragende eines und bestätigt mir nach 3 Jahren den Verlust von Segelzeit und den Gewinn von handwerklichen Fähigkeiten.

Die Grundlage für meine persönliche Verwirklichung, die Realisierung meiner Träume und meines beruflichen Erfolges wurden an diesem besonderen 9. November gelegt. Während meiner Reisen spüre ich in besonderen Momenten die Dankbarkeit für die Chancen meiner Generation, die uns diese historische Wende bereitet hat. Sie kam gerade zur richtigen Zeit. Wir durften das Extrakt aus beiden Welten bewusst erleben, werden es nicht aus Geschichtsbüchern lernen und hatten die Möglichkeit, uns unsere Zukunft ohne Grenzen aufzubauen.

Herunterkommen, Downshifting, Minimalismus oder Askese als Extremform sind aktuelle Begrifflichkeiten für einen Weg zu mehr persönlicher Freiheit. Durch die Reduzierung von materiellen Dingen gewinnt man in der Regel mehr Zeit und persönliche Freiräume. Man löst sich von Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben. Dieser Weg ist dem Menschen nicht zu Beginn seines Lebens an gegeben. Die einmalige Chance, alle meine Träume schrittweise zu verwirklichen, gingen einher mit Verzicht auf persönliche Zeit, der Fokussierung auf das Wesentliche und eine sehr effizeinte Lebensweise. Das macht in Verbindung mit finanziellen Verpflichtungen, Verantwortung für Personal und der Suche nach neuen Geschäftsmodellen ein Stück weit gefangen. Die Einsicht, einen Stop einzulegen, kommt durch persönliche Entwicklungsstufen oder einschneidende Erlebnisse. Bei mir war es ein langjähriger Prozess, der sich auf der aktuellen Weltumseglung festigt und bestätigt. Ich formuliere gerne meine Erfahrung so: „Man muss Vieles besessen haben, um zu wissen, dass man es nicht braucht“.

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