Rausschmiss – Wie man in Afrika von einem Berg geworfen wird

Ich wurde ja schon einige Male in meinem Leben irgendwo hinaus komplimentiert. Aus dem Klassenzimmer, weil ich nicht mehr aufhören konnte, zu lachen. Aus einem türkischen Schuhgeschäft, weil mein Preisangebot den Verkäufer offensichtlich beleidigte. Aus einem Zug, weil mein Studentenausweis für diese Kategorie Fahrzeug nicht galt. Aus einer Bar in London, weil  ich aufgrund des extrem langsamen Services das Barkeeping kurzerhand selbst übernommen hatte. Aus sämtlichen Einrichtungen mit wirklich unverschämten Öffnungszeiten wie Supermärkten, Bibliotheken, Schwimmbädern und so weiter. Dass ich allerdings von einem Berg geworfen werden könnte, lag bisher fern jeglicher Fantasie.

Die World Arc-Flotte besteht nicht nur aus reichen Rentnern, die sich endlich den Traum vom Segeln leisten können, sondern auch aus jungen Seemännern und Seemänninnen, die entweder mit ihren Familien reisen oder das große Abenteuer zwischen Schule und Studium, Studium und Job oder zwischen Job und Grauwerden erleben wollen. Wir nennen sie die Cool Kids und ich zähle Kapitän Jan und mich großzügig dazu. Im Vergleich zum Durchschnittsalter gehen wir locker als Teenager durch. Bei Michael scheiden sich die Geister. Er ist wohl eher das Alien und mit diesem Exotenstatus lebt er sehr gut, nehme ich an.

Eines sonnigen Tages in Kapstadt nehmen sich die Cool Kids also vor, den Lions Head, zu deutsch Löwenkopf, zu besteigen. Es ist einer der drei Gipfel, die den Tafelberg umsäumen und sicherlich der mit dem interessantesten Aufstieg. Ein Sonnenuntergang mit Blick auf den Tafelberg und eine wolkenlose Vollmondnacht über den Lichtern Kapstadts stehen bevor. Das ist schon etwas Besonderes. Denn für gewöhnlich hüllt sich der Tafelberg jeden Nachmittag in ein Tischtuch aus weißen Wolken, die rasend schnell über die scharfe Felskante hinunterfallen, oft bis in die Marina hinein, wo es dann feucht und kalt wird. Jacken empfinden wir Reisenden auf der Barfußroute eher als Zumutung.

Die Wanderung startet aufgrund der allseits bekannten Koordinationsschwierigkeiten großer Reisegruppen eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang. Wir sprinten den Berg hinauf. Ich fluche! Zwei Liter Wein, ein Liter Vodka und ein Liter Cola im Rucksack bringen mich ganz schön ins Schwitzen. Immer wieder lege ich Stops zum Fotografieren und Verschnaufen ein mit dem Ergebnis, dass ich als Letzte hinterher hetze und immer wieder rennen muss, um überhaupt noch Anschluss an die Segler zu haben. Irgendwann ist auch Sebastian am Ende seiner Läuferkarriere: eine Plastiktüte voller Bierflaschen und Flip Flops an den Füßen machen die Kletterpartie nicht gerade zum Kinderspiel. Vierzig Minuten sind vorbei und die Sonne versinkt langsam im Meer. Jetzt noch schnell ein paar Klimmzüge an den Steigbügeln, die wir aus der sächsischen Schweiz kennen, und wir haben den Gipfel fast erreicht. Während wir die senkrechten Wände hinaufkraxeln, werden wir von äußerst freundlichen und humorvollen Bergwächtern beschützt, die sich an den besonders gefährlichen Felsvorsprüngen postiert haben. Jetzt sind wir längst nicht mehr allein auf weiter Flur. Hunderte von schaulustigen Sportsfreunden gehen im Gänsemarsch die letzten Meter zur Spitze des Lion Heads hinauf. Der Himmel leuchtet von Orange bis Rosa, die untergehende Sonne glüht und lässt das Meer gülden schimmern. Romantik pur! Einmal abgesehen von den anderen Gipfelstürmern, die sich immer weiter auf die Felsvorsprünge drängeln, um das beste Fotomotiv ohne Köpfe im Vordergrund zu erwischen.

Die Cool Kids begrüßen sich mit High Five und das erste Bier wird aufgemacht. Eile ist geboten: die Kühlketten ist schon viel zu lange unterbrochen. Wir stoßen an. Bier, Vodka, Wein: die Bar ist eröffnet. Hoffentlich werden die Flaschen leer. Noch einmal schleppe ich sie nicht, denke ich für zwei Sekunden. Pustekuchen! Plötzlich steht ein Security Officer vor mir: „You are not supposed to drink on this mountain. Please close the bottles and put them back.“ Ups! Trinken verboten. Wo gibt es so etwas? Auf meine Nachfrage, warum das so sei, darf ich selbst eine Antwort finden. Dumm stellen hilft in Südafrika auch nicht weiter. Ok, ich verstaue die edlen Wässerchen. Da der nette Aufpasser verschwindet. Die Herren der Runde zeigen sich unbeeindruckt. Schließlich wurde lediglich ich ermahnt. Sonnenuntergang ohne Bier ist einfach nur halb so schön. Schwups! Da ist er wieder. Unser Freund und Helfer am Gipfel der Genüsse. Die zweite Ermahnung! Wir schauen uns um. Es wird immer dunkler und immer schöner. Auf der einen Seite des Berges ist die Sonne nun vollständig im Meer versunken. Auf der anderen Seite leuchtet der Vollmond über den Tausend Lichtern der Metropole. Am Tafelberg entdecken wir eine Lasershow und können Silhouetten der Big Five, der fünf großen Tiere Afrikas, erkennen. Die Kameras werden gezückt, unseren Objektiven entgeht nichts. Wir suchen die Victoria & Alfred Waterfront Marina und versuchen, unsere Segelboote zu erkennen. Wie Spielzeugboote liegen sie im hell erleuchten Hafen. Wir schweigen, atmen tief ein und genießen einen der ganz großen Momente im Leben.

Plötzlich ein fatales Geräusch. Neben uns macht es „Zisch!“. Der Uniformierte taucht wie aus dem Nichts auf und dieses Mal ist jede Nachsicht passé. Noch bevor wir analysieren können, welche Schnapsnase heimlich noch ein Bierchen schlürfen wollte, werden wir gebeten, den Berggipfel sofort zu verlassen. Wir sind schockiert. Langsam mit hängenden Köpfen schleichen wir kleinlaut zu dem schmalen Pfad, der uns wieder ins Tal bringen soll. Wir hangeln uns über die Kuppe und kommen nicht weit. Denn wir sind wieder nicht die Einzigen, die im Dunkeln den Abstieg wagen. Wir suchen uns einen Felsen, auf dem wir Verweilen können, bis sich die Karawane wieder in Bewegung setzt. Erst da wird uns bewusst, wie skurril unsere Situation ist und wir halten uns die Bäuche vor Lachen. Zum Glück wird man hier fürs Lachen nicht bestraft, so wie einst im Klassenzimmer. Wir singen, tanzen, scherzen mit den anderen Wandervögeln am Hang. Im Dunkeln ist gut Munkeln: Als wir im Tal ankommen, sind alle Flaschen leer und die Cool Kids glücklich über einen unvergesslichen Abend.

Wir schnappen uns zwei Taxis nach Clifton und lernen am Strand eine Gruppe Studenten aus Namibia kennen, die wir kurzerhand zu einer kleinen Grillfeier, dem sogenannten Braai, auf unseren Bootssteg einladen. Der Mahi Mahi aus dem Indischen Ozean soll den Gefrierschrank schon am kommenden Tag verlassen. In meinem Kopf gehe ich schon die Gewürze und Saucen durch. Jetzt schnell ins Bett und Ausschlafen für das prickelnde Leben in unserer Traumstadt.

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