Südafrika All Inclusive -– Das Abenteuerland hat uns im Griff

Die Polaris steckt fest -– von Segelspaß bis Abschleppmanöver

Wir verlassen Durban immer noch mit dem Ziel Port Elizabeth. Dass wir da nie ankommen werden, wissen wir bei Aufbruch noch nicht. Achim, unser Skipper auf Zeit, möchte uns den Ort zeigen, in dem er als Student sein aufregendes Auslandssemester verbracht hat. Wir erwarten eine kompetente Führung durch die Kneipenszene. Petrus sieht das wohl kritisch und sendet uns nicht das Wetter, das wir für ein zügiges Vorankommen brauchen. Afrika strapaziert unsere Geduld abermals.

Noch viel mehr werden die Nerven unseres Kapitäns Jan auf die Probe gestellt. Ihn haben wir auf eine andere Yacht ausgeliehen. Die Schweizer Crew der Boingo Alive freut sich über eine dritten, erfahrenen Mann an Bord. Über die Mannschaft brechen in den kommenden Wochen alle Katastrophen herein, die man sich vorstellen kann. Zunächst wartet man ewig auf das richtige Windfenster, dann erkrankt ein Seemann und muss ins Krankenhaus, der Motor fällt aus, Abschleppen, zwei Wochen Fehlersuche und Reparatur, langsames Entlanghangeln an der Küste und immer wieder Warten auf den richtigen Wind. Irgendwann holen wir unseren Captain über Land zurück. Denn die Polaris muss für den Atlantik fit gemacht werden. Aber auch auf anderen Booten läuft nicht alles nach Plan. Defekte Autopiloten, gerissene Segel, verschmutzter Diesel – die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung wird für alle nautischen Kollegen zur Herausforderung. Einschließlich der Polaris.

Wir motoren uns durch die Wellen und den Gegenwind und wissen schon kurze Zeit nach dem Start: Wir schaffen es wieder nicht zum Zwischenziel. Michael definiert East London als nächsten Stopp. 200 Liter Diesel wollen aufgetankt werden, der stärker werdende frontale Wind soll erst einmal vorüberziehen. Wir segeln vorbei an weißen Dünenlandschaften und warten darauf, endlich einmal Wale zu sehen, die im Winter an der Küste beobachtet werden können. Das Wasser des Indischen Ozeans wird langsam aber zunehmend kälter und nachts merken wir, dass der Hochsommer noch nicht in Südafrika angekommen ist und wir den Äquator längst hinter uns gelassen haben. Dafür ist es wieder länger hell und wir genießen den wunderschönen Ausblick, kommunzieren dank Küstennähe und hervorragendem, afrikanischem LTE-Netz wieder einmal mit unseren Freunden und Familienmitgliedern. Wir freuen uns auf Seafood, Straußenfilet und sportliche Aktivitäten gegen die Gourmetröllchen auf den Hüften. So manch Matrose hat bei seiner Weltumsegelung doch einige Kilogramm zugelegt. Die wenige Bewegung an Bord, das Feierabendbierchen, der Keksvorrat, die Kreativität der Smutjes und die kulinarischen Festlichkeiten an Land hinterlassen sympathische Spuren.

Kurz vor East London will unsere neue Crew – also Achim, sein Bruder Peter und Freund Richard – endlich einmal Segeln. Sie sind lange angereist, haben viel zu lange gewartet und verdienen nun eine Belohnung. Motor aus! Wir kreuzen vor dem Hafen herum. Der Yachtclub, den wir ansteuern liegt in einer Flussmündung. Michael hofft auf einen freien Mooringplatz. In den Hafen allerdings fahren wir immer unter Motor. Wind, Strömungen und andere Boote bringen zuviele Risiken für Segelmanöver auf engem Raum mit. Als sich alle ausgetobt haben, starten wir also den Motor. Wir starten ihn wieder und wieder und wieder. Nichts! Der ohnehin schon eigenwillige Anlasser schlägt uns ausgerechnet jetzt ein Schnippchen, als wolle er höhnisch sagen „Ihr hättet mich ja auch schon eher reparieren können“, und versagt komplett. Micha weist seine Matrosen an, in den Fluss hinein zu segeln und verkriecht sich im Motorraum. Die Nerven sind gespannt, die Daumen gedrückt. Zehn Minuten später ist klar: Wir brauchen einen neuen Starter, aber den zaubert man nicht während eines Hafenmanövers hinein. Michael glaubt an die Kompetenz seiner Mannschaft und beschließt, zur Mooringleine zu segeln. Wir holen etwas aus, um auch bei abbrechendem Wind genügend Höhe zu haben. Ich informiere per Funk die Port Control. Die nette Dame am anderen Ende von Kanal 17 hat keine Ahnung, ob ein Liegeplatz für uns frei ist oder nicht, stellt dafür aber unsinnige Fragen wie „Warum sind Sie in Südafrika?“ und so weiter. Wir sollen einfach selbst klar kommen oder den Yachtclub anrufen. Zu diesem Zeitpunkt können wir die Mooringbojen schon sehen und verzichten auf weiteren Support.
Plötzlich geht ein Ruck durch Boot und wir stehen. Ich begreife nicht, was da los ist und schaue fragend den Steuermann an. Die Antwort kommt einsilbig: „Sandbank“, „Aufgelaufen“, „Kartentiefe 10 Meter“, „Tiefe laut Lot noch 2 Meter“. Mitten in der Hafeneinfahrt, ohne Motor. Großartig! Was jetzt? Michael stellt sich an das Steuer, ich nehme das Funkgerät und informiere die äußerst kompetente Hafenmitarbeiterin, die Jungs ziehen die Genua nach Luv, so dass sie back steht. Die gesamte Crew geht nach backbord, um durch Gewichtsverlagerung noch mehr Krängung zu bewirken, die das Boot hoffentlich wieder aus dem Schlamm losreißt. Unsere Polaris beugt sich, der Wind füllt die Segel aus, aber wir bewegen uns keinen Zentimeter vom Fleck. Wir schauen uns um und atmen auf: Rettung naht! Unsere Freunde auf der Segelyacht Sweet Pearl nähern sich. Per Funk spreche ich mit ihnen, der Einfachheit halber unüblicherweise in deutscher Sprache. Schnell sind wir uns einig: Sweet Pearl schleppt uns ab. Das Schiff kommt näher, wir bereiten die Leinen vor. Frau Hafenmeisterin erkundigt sich, ob uns Sweet Pearl retten wird oder ob sie einen Abschleppdienst kommen lassen muss. Wir können sie beruhigen. Für einen Moment stockt mir der Atem. Durch unsere Krängung, kommen sich die Masten der zwei Boote extrem nahe. Schnell werden die Segel eingeholt, die Leinen geworfen und an den Klampen befestigt. Tom, Sandra und Alejandro geben Gas und ziehen uns zur Mooring. Patrick vom Yachtclub wartet in seinem kleinen Ruderboot auf uns und hilft uns beim Befestigen. Wir erhalten Tipps und Hilfe beim Tanken. Plötzlich ist alles traumhaft einfach. Sweet Pearl legt vor uns an. Wir bedanken uns mit einer Einladung zum Abendessen und Dinghi-Shuttle-Dienst für die Zeit des Aufenthaltes im Hafen. Achim tauscht innerhalb von einer halben Stunden den Anlasser aus. Peter besorgt währenddessen Diesel, welches in Kanistern per Beiboot zur Polaris gefahren wird. Am Abend stoßen wir auf die Freundschaft unter den Seglern an und planen unseren ersten Ausflug.
Kleine Hasen und großes Kino
Auf Empfehlung von Einheimischen fahren wir zum nahe gelegenen Lions Park, wo man Löwenbabies streicheln können soll. An der Kasse werden wir von einem niedlichen Äffchen begrüßt, das genauso aussieht wie Pippi Langstrumpfs Herr Nielson. Das fängt doch gut an, denke ich und strecke die Hand aus. Der Kleine hüpft drauf, findet es aber sofort wieder unheimlich oder langweilig oder beides und verschwindet zu „Mama“, der Inhaberin des Parks. Der Park ist eher ein Garten, ein schöner Garten. Wir finden dort Schildkröten, Hühner, Kaninchen, Alpakas, Esel, einen Spielplatz aber irgendwie keine Löwen. Ein Chitah, zu deutsch: Gepard, liegt gelangweilt in seinem Gehege herum. Die Pflegerin holt einen riesigen Knochen aus dem Käfig heraus und meint, das sei einmal eine Kuh gewesen. Nun hat keiner mehr Lust, mit dem Raubtier auf Tuchfühlung zu gehen, zumal er angeblich schlechte Laune habe. Wir entdecken dann doch noch drei Löwen. Groß, prächtig, wunderschön, mit zwei Zäunen und einem Graben aber irgendwie zu weit weg. Babies haben das schöne Männchen und seine drei Weibchen allerdings nicht produziert und so gibt es außer Hasen auch nichts zu streicheln. Wir lachen und verkrümeln uns zu unserem nächsten Abenteuer.

Ich hatte ein paar Stunden Sandboarding für uns gebucht und mir selbst vermutlich den größten Gefallen getan. Ich kenne das Sandboarden vom Monte Kaolino in Deutschland, genauer in Hirschau, und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als die großen Dünen auf einem Brett, ähnlich einem Snowboard hinunter zu sausen. Unsere Sandboardlehrerin kann sich kaum auf dem Brett halten, aber herzlich über sich selbst lachen. Wir nehmen es ihr nicht übel und lehren uns gegenseitig, auf den den Holzbrettern Balance zu halten. Der Sand ist wunderbar weich, das Fallen tut nicht weh und schon bald üben die tapferen Seemänner ihre ersten Kurven und Sprünge. Das Beste: Der Ausblick auf das türkise Meer, auf die Surfer in den Wellen, auf den endlosen Strand von East London. Wir sitzen auf der Düne, erholen uns vom zigsten, anstrengenden Aufstieg und plötzlich sehen sie alle gleichzeitig. Eine Fontäne! Kurz vor dem Horizont kreuzt ein Wal die Bucht und sprüht immer wieder Wasser aus. Endlich! Danke, Afrika!

Am Abend teilt sich die Crew. Die einen kochen an Bord, die anderen werden zu einem Familien-BBQ eingeladen. Achims Studienfreunde halten Wort und bewirten das hungrige Seevolk nach allen Künsten afrikanisch-indischer Gastfreundschaft. Auf der deutschen Yacht Chika-Lu läuft „Master and Commander“ im Bordkino. Im Mondschein rundern alle zu ihren Kojen zurück. Das Leben ist schön. Hier in Südafrika. Punkt.

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