„Alkohol ist kein Getränk!“ – Interview mit Hilde

Interview von Sheila Rietscher mit Crewmitglied Hildegunde über gesunde Ernährung an Bord 

Hildegunde, 57, ist Wahlberlinerin und seit 26 Jahren diplomierte Ernährungswissenschaftlerin sowie freiberufliche Mitarbeiterin bei Manufaktur von Blythen, Hersteller von Spezialitäten mit essbaren Blüten.

 

Hilde, Du segelst nicht zum ersten Mal auf der Polaris mit. Von wo bis wo warst Du bereits an Bord und wie hast Du diese Zeit erlebt?

Meine Feuertaufe an Bord eines Segelschiffes fand zwischen Tahiti und Tonga im Pazifik statt. Ich war eine von drei Frauen an Bord, die damals mit Michael segelten. Davon war nur eine erfahren im Umgang mit Booten. Mir war das unheimlich, aber wie man sieht: Ich habe überlebt und komme sogar gern wieder. Die Seekrankheit hatte mich bei jedem Ablegen von einer Insel erneut im Griff, aber solche Erlebnisse blendet man irgendwie aus.

Faszinierend fand ich damals die völlig neue Sichtweise auf dem Meer. Mal etwas nicht vom Land aus zu betrachten war neu für mich, obwohl ich eigentlich ständig in der Welt unterwegs bin. Das ewig wechselnde Wetter überraschte mich. Regen, hohe Wellen, starker Wind: an all das hatte ich vorher nie gedacht. Starke Erinnerungen habe ich an die besondere Tierwelt, die uns begegnete: Black-Tip-Haie, riesige Rochen, Schildkröten und das glitzernde, lumineszierende Plankton in der Nacht.

Das Zusammenleben auf dem Boot klappte super. Zu viert war genug Platz für alle. Ich erlebte große gegenseitige Hilfsbereitschaft. Heute bin ich erstaunt, wie wir das alles geschafft haben mit zwei Nicht-Seglerinnen in der Crew. Alles war neu. Ich habe viel gelernt, und die schlimme Handverletzung, die sich ein Hafenmitarbeiter auf Bora Bora beim Belegen unserer Klampen zuzog, waren mir eine Warnung für überlegten Umgang mit allem an Bord.

Wir haben damals sehr verschiedene Inseln besucht. Als wir mit ihnen vertraut wurden, mussten wir schon wieder los, auf zu neuen Abenteuern. Bora Bora war landschaftlich spannend und die Farben des Wassers mit den vielen Mantas drin war einfach berauschend. In Suwarow hatte ich ein wahres Robinson Crusoe-Gefühl. Auf Nui wäre ich gern noch geblieben. Diese Insel mit seinem harten, schroffen Vulkangestein muss man sich stückchenweise erarbeiten.

 

Jetzt hast Du Dich entschieden, kurz vor Ende der espotoworldtour noch einmal aufzuspringen. Welche Strecke wirst Du dieses Mal begleiten und was erhoffst Du Dir von dem Törn?

Ich reise dieses Mal von Salvador in Brasilien bis zum Finale in Sant Lucia mit. Diese spezielle Art sich von A nach B zu bewegen, wollte ich gern noch einmal erleben. Überraschenderweise fand ich das Segeln gar nicht so langweilig, wie ich es mir einmal vorgestellt hatte.

Im Gegenteil! Ich wollte es unbedingt mit Teamgeist und Michael, zu dessen Team ich Vertrauen habe, wiederholen.

Der Törn ist eine gute Möglichkeit, zwei Orte in Brasilien kennen zu lernen. Karibikinseln kenne ich schon und jedes Mal, als ich dort war, dachte ich: Hier müsste man mit einem Boot unterwegs sein können. Dieser Traum geht nun in Erfüllung.

 

Jetzt sind wir schon ein paar Tage auf See. Kommen da viele Erinnerungen hoch? Was unterscheidet diese Etappe von der vorherigen?

Ich fühle mich schon vertrauter mit Bordleben und Boot. Die Manöver empfinde ich nicht mehr als Stress. Auf der ersten Tour dachte ich immer: Wie soll das gehen? Ich hatte Angst, was falsch zu machen. Aber jetzt seid Ihr da und alles ist einfacher und entspannt für mich. Auch das Wasser empfinde ich bisher als ruhiger, die Wetterphänomene sind ähnlich wie auf dem Pazifik und wieder gibt es mehr Regen als gedacht. Gestern habe ich den Regen gleich zum Duschen genutzt. Die Seekrankheit habe ich glücklicherweise schnell überstanden. Das war schon heftig am ersten Tag.

 

Warst Du zum ersten Mal in Brasilien? Wie hast Du Salvador erlebt?

Ja, es war meine Brasilien-Premiere. Ich fand allein schon die Fahrt vom Flughafen in das Zentrum interessant und bekam einen groben Einblick in die verschiedenen Stadtteile. Riesige Strände direkt in Zentrumsnähe – das ist Lebensqualität! Die historische Altstadt Pelourinho habe ich mir erlaufen und viele pittoreske Ecken entdeckt. Besonders spannend fand ich die Vorbereitungen zum Karneval. Ganze Häuserzeilen wurden verriegelt, stündlich nahm die Anzahl der Straßenküchen zu und auch die Touristenströme wurden immer mehr. Am Anfang hatte ich mich noch als fast einziger Gast in der Stadt gefühlt.

Leider bin ich kein Fan der brasilianischen Küche geworden, die aus vielen frittierten Speisen, viel Fleisch, Fett und scharfen Gewürzen besteht. Der größte Genuss waren für mich die allabendlichen Open-Air-Konzerte. Ich fand immer eine Bühne, bei der ich bleiben wollte. Die Karnevalsumzüge habe ich mir an den ersten Tagen angeschaut. Überrascht hat mich das massive Sicherheitsaufgebot. Militär und Polizei zeigten überall Präsenz.

Für die Brasilianer ist der Karneval ganz sicher das Highlight des Jahres. Am Aschermittwoch konnte man die Erschöpfung der sonst so energiegeladenen Tänzer und Musiker förmlich sehen. Viele Händler lebten für die Zeit auf den Straßen der Stadt, um mit dem Verkauf von Snacks, Getränken oder Souvenirs auch einen Teil ihres Karnevalskuchens abzubekommen.

 

Man sagt, die Stadt sei eine der gefährlichsten Städte in Brasilien und vor allem zur Karnevalszeit ein Mekka für Taschendiebe und andere Räuber. Die Nachrichten in Europa berichteten von Schießereien genau in der Zeit, in der wir vor Ort waren. Hast Du Dich je bedroht gefühlt?

Nein. Ich war vorsichtig. Ich habe mein Umfeld immer gescannt und letztendlich nie eine Situation erlebt, in der ich mich unwohl gefühlt hätte. Quetschende Menschenmassen habe ich vermieden.

Vorgebeugt habe ich, indem ich einfach nichts mitgenommen habe: Keinen Schmuck, keine Handtasche, keine Kreditkarten, keine Kamera, kein Handy, keine sonstigen Wertgegenstände. Kleine Summen Bargeld steckte ich in die tiefste Hosentasche oder versteckte sie in Papier eingewickelt anderswo in meiner Kleidung. So hatte ich keine Angst. Was hätte man mir nehmen können?

Dass andere Segler der World Arc-Flotte hinterlistig beklaut wurden, hinterlässt bei mir natürlich ein mulmiges Gefühl. Für mich ein Anlass, mich nie zu sicher zu fühlen und weiterhin auf der Hut zu sein. Leichtsinn kommt allzu schnell. Natürlich finde ich es äußerst schade, keine Fotos gemacht zu haben, aber ich habe viele schöne Bilder in meinem Kopf abgespeichert.

 

Hilde, Du bist diplomierte Ernährungswissenschaftlerin. Die wichtigste Frage für die Crew: Kochst Du gern? Wenn ja, was kochst Du am liebsten?

Ich koche sehr gerne. Für mich und auch für andere. Jetzt kommt der Haken für Euch: Am allerliebsten vegetarisch. Ich bereite ungern Fleisch zu.

Das Kochen an Bord ist eine sehr spezielle Herausforderung. Wie bekomme ich das, was ich kochen will, in den Topf und dann auch noch auf den Teller? Wenn die gesamte Küche schwankt, muss man strategisch vorgehen und die Schritte vorausplanen. Ansonsten landet alles auf dem Boden.

Ich koche sehr gern Pasta und Gemüse, ich bereite gern Salate zu und liebe es, Käse zu verarbeiten. Außerdem backe ich mit Leidenschaft, aber der Gasbackofen an Bord ist noch nicht mein Freund geworden.

 

Welche Mangelerscheinungen oder Fehler in der Ernährung können auf See passieren und wie beugt man ihnen am besten vor?

Das allerwichtigste ist das Trinken! Der Körper braucht viel, viel Flüssigkeit, auch wenn man es vielleicht nicht spürt. Dabei spreche ich von Wasser, nicht von Alkohol. Viel Alkoholkonsum überschattet, dass man eigentlich Wasser braucht. Sonst entstehen Störungen im Wasser- und Elektrolythaushalt.

Das A und O ist eine abwechslungsreiche Ernährung. Nur Reis und Bohnen zu essen, erscheint bequem und billig. Aber nur mit Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Eiweißquellen wie Milchprodukten, Fisch, Fleisch oder Tofu führen wir uns die gebrauchten Nährstoffe zu.

Ich würde schauen, dass jeden Tag ein paar frische Sachen verfügbar sind: ungekocht oder nicht zu Tode gekocht. Wenn davon nichts mehr an Bord ist, dann eben in Form von Säften, Konserven oder Tiefkühlware.

Außerdem rate ich, extrem schweres Essen zu vermeiden. Wer riesige, fettreiche Portionen in sich hineinstopft, belastet den Körper. Sich Wohlfühlen und sich Leichtfühlen sind angemessene Maßstäbe für die meist wenige Bewegung, die man auf dem Schiff hat.

Wer in den Nachtschichten gern knabbert und nascht, weil ihm sonst zu langweilig ist oder die Augen zu fallen, dem empfehle ich Nüsse und Trockenfrüchte. Da sind empfehlenswerte Nährstoffe drin. Aber Achtung: Wer auf sein Gewicht achten muss, sollte auf etwas kalorienärmeres wie frisches Obst und Gemüse zurückgreifen. Mal eine Möhre, eine Paprika, auch mal ein paar Kekse – ob süß oder salzig – sind erlaubt. Generell gilt: Die Menge macht’s! Die Packung leer zu futtern, können sich eben nur große, schlanke Seewölfe leisten.

Wer Krämpfe in den Waden spürt, hat unter Umständen Magnesiummangel. Etwas, was auch Sportler oft zu spüren bekommen. Wer nicht ausreichend Obst, Trockenfrüchte, Gemüse, Nüsse oder Säfte zu sich nehmen kann, greift hier am besten auf eine nahrungsergänzende Brausetablette zurück.

 

Unser Boot ist üppig mit Proviant ausgestattet. Wovon hättest Du mehr eingepackt, was würdest Du über Bord werfen und was fehlt in den Küchenschränken?

Wenn ich den Gefrierschrank ganz nach meinen Vorlieben bestücken dürfte, gäbe es ein Fach ausschließlich gefüllt mit verschiedenen Käsesorten, ein Fach reserviert für Fisch und ein Fach für gefrorene Kräuter und Gemüse. Im Kühlschrank würde ich lagern: frische Milchprodukte wie Quark oder Jogurt, Obst und Gemüse. Weiterhin würde ich Obst und Gemüse in Konserven und frischer Form bevorraten und das alles um Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte ergänzen. Brote, die man in anderen Ländern kaufen kann, schmecken mir oft nicht und sind nicht lange haltbar. Ich ziehe deshalb Müsli vor.

 

Die Länder, in die wir reisen, sind heiß und bieten oft nicht die hygienischen Bedingungen, die wir gewohnt sind. Das Essen ist fremdartig zubereitet und gewürzt. Auch hier an Bord gibt es manchmal exotische Gerichte. Dem ein oder anderen Crewmitglied ist so etwas schon auf den Magen geschlagen. Was tun bei Durchfall, Verstopfung, Seekrankheit?

Bei Durchfall verlieren wir viel Flüssigkeit und Mineralstoffe. Bevor der Kreislauf kollabiert, müssen diese ersetzt werden. Das geht gut mit ausreichender Zufuhr an Tee, Wasser, Hühnersuppe für die Salze, verdünntem Fruchtsaft oder Bananen, die sehr kalium- und magnesiumreich sind und dazu noch eine darmberuhigende Wirkung haben. Auch Haferflocken als Porridge gekocht oder leichtes Müsli zubereitet, helfen.

Wer unter Verstopfung leidet, muss ebenfalls viel Trinken und es mangelt ihm häufig an Ballaststoffen. Hülsenfrüchte in kleinen Mengen, so dass keine Blähungen entstehen, können helfen. Salate, Gemüse, Früchte und Vollkornprodukte jeglicher Art sind hier ratsam.

Bei Seekrankheit mögen viele nicht gern essen. Wer es trotzdem schafft, kann sich mit kleinen Mengen an Bananen, Brot, gekochtem Reis mit geriebenem Apfel wieder erste Nährstoffe zuführen. Den Eiweißbedarf gleicht man mit Süppchen mit gequirltem Ei oder leichten Eierspeisen aus, die in jedem Fall gesalzen sind. Kräuter liefern Vitamine und Mineralstoffe. Wer nur trinken kann, tankt durch verdünntem Saft, Jogurtdrinks und Kakao wieder Energie auf.

 

Immer wieder erwähnst Du Kräuter. Wie sieht es mit den Gewürzen aus? Was findest Du sinnvoll in einer kleinen Bordküche?

Im Grunde sind jegliche Kräuter und Gewürze willkommen, um auch einfache Speisen immer wieder interessant zu machen. Meine zusätzlichen Geheimtipps sind: Sojasoße, Kokosmilch und Erdnussbutter. Ohne großen Aufwand liefern sie immer eine besondere Geschmacksnote.

Und noch eine schöne Idee: Kräuterbutter, Knoblauchbutter oder Senfbutter vor der Abreise zubereiten und dann im Kühl- und Gefrierschrank als Brotaufstrich oder zum Kochen und Backen bereithalten. Auch süße Buttervarianten sind denkbar, zum Beispiel als Nutella-Ersatz.

 

Hattest Du nach Deiner letzten Ozeanreise so richtig Lust auf bestimmte Lebensmittel aus Deutschland? Hattest Du etwas vermisst?

Nach dem Bordaufenthalt war es mir in meiner Küche zu Hause furchtbar langweilig. Nichts fiel aus dem Schrank, nichts rutschte vom Teller, vieles konnte einfach gleichzeitig offen bleiben. Die Ruhe war mir war mir schon fast unheimlich.

Ich brauchte einige Zeit, um zum Variantenreichtum zurück zu finden. Beim Einkaufen fühlte ich mich regelrecht erschlagen von der Masse der Möglichkeiten. Wie viel einfacher fielen da doch die Entscheidungen mit dem limitierten Proviant an Bord.

 

Vielen Dank für das Interview und Deine zahlreichen Tipps!

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