Wie heißt es richtig: Seemännin oder Seefrau?

Vor ein paar Wochen fragte mich Michael einmal, ob ich einen Blogbeitrag zum Thema „Allein unter Männern“ schreiben und das Leben als einzige Frau an Bord der Polaris erörtern möchte. „Da musst Du eine andere fragen.“, war meine schroffe Antwort. Immer wieder habe ich darüber nachgedacht und auch heute noch finde ich es nicht nötig, diesen Blog zu schreiben. Und dafür gibt es Gründe:

Erstens:

Es wird vorausgesetzt, dass ich mich als DIE Frau an Bord sehe. Michael hätte es besser wissen müssen. Um vorweg zu nehmen, dass man mich in die Kategorie Bordprinzessin, Bug Bunny oder gar Kombüsenmaus einordnet, begrüßte ich ihn bei unserem Kennenlernen mit den Worten: „Ich bin Sheila und ich bin ein Kerl.“ Das dürft Ihr jetzt nicht falsch verstehen. Natürlich bin ich ein Mädchen und das ist auch gut so. Aber clichébeladene weibliche Attribute im Kontext des Lebens auf einem Segelboot sind mir eher unsympathisch. Ich sehe mich als Matrose und ich bin stolz darauf, ein Teil einer Crew zu sein. Ich habe Hornhaut an den Händen, breche mir ständig die Fingernägel ab und finde nichts dabei. Ich schwitze lieber über den Winschen als über dem Kochtopf. Ich kann es nicht leiden, wenn MANN mir die Schoten aus der Hand nimmt in der Annahme, ich bräuchte Hilfe, um die ich nicht gebeten habe. Aus der Alienperspektive betrachtet, unterscheidet mich nichts von den anderen Seglern. So sollte es zumindest sein. Die Sache hat natürlich ein paar Haken. Aber dazu komme ich später. Jetzt einmal ehrlich: Wie klingt denn bitte Seefrau im Vergleich zu Seemann. Seemännin hingegen gefällt mir ganz gut.

Zweitens:

Weiterhin müssten wir davon ausgehen, dass alle anderen an Bord tatsächlich als Männer betrachtet werden können. Ich habe da meine Zweifel. Meine Erwartungshaltung an einen echten Mann oder sagen wir einen echten Matrosen wird hier mitunter ebenso wenig erfüllt wie ich als Köchin, Putzfrau und Gallionsfigur betrachtet werden möchte. Weil ich genau jetzt mit Clichés aufwarten muss und keinem meiner derzeitigen oder ehemaligen Kumpanen auf der Polaris auf die Füße treten will,  werde ich den von Michael gewünschten Blog nicht schreiben können. Tatsächlich entdecke ich Einiges, was mich eher an Tiere erinnert als an die Schublade „brauchbarer“, also „richtiger“ Mann. So hatten wir schon einen ganzen Zoo an Bord. Ich werde jetzt nicht ins Details gehen, aber Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will. Wir kennen ja alle in unserem Umfeld so einige Trampeltiere, Wildschweine, Faultiere, Brüllaffen, Kriechtiere, Pfauen und Gockel. Im Großen und Ganzen sind meine Mitsegler sehr liebe Menschen, aber ist „lieb“ ein gutes Attribut für das, was wir typisch Mann nennen? Ich weigere mich, das hier zu diskutieren. Ihr seht, ich stecke in einem Dilemma.

Drittens:

Wenn wir analytisch vorgehen, ist auch schon die Formulierung „Allein…“ im gewünschten Titel des Blogs völlig daneben. Ich bin nicht allein. Im Gegenteil. Es guckt immer jemand zu, es hört immer jemand zu, es riecht, schmeckt und fühlt immer jemand mit. Man ist zu siebt in dieser 15 Meter langen, schwimmenden WG alles andere als allein. Weder als Frau noch als Mann. Ich lasse Eurer Fantasie nun freien Lauf. Die Spuren der menschlichen – männlichen? – Natur sind überall mit allen Sinnen wahrnehmbar, ob man nun will oder nicht. Fast so, als wolle MANN sein Revier markieren. Ich verteile jeden Tag ein paar lange, blonde Haare auf dem Boot und hänge meine Bikinis zum Trocken auf, womit auch meine Existenz an Bord bewiesen wäre.

Beichte:

Selbstverständlich lande ich wesentlich häufiger hinter dem lustig schaukelnden, kardanisch aufgehängten Gasherd. Mir zuliebe, denn ich möchte überleben. Ich bin auch diejenige, auf die der erhöhte Verschleiß an Putzmitteln zurück zu führen ist. Mir zuliebe, denn ich möchte überleben. Siehe Punkt drei. Ich weigere mich aber vehement, dieses Schicksal als gottgegeben hin zu nehmen und führe mit jeder neuen Crew den Kampf gegen die dämlichsten Argumentationswindmühlen:

„Zuhause macht das immer meine Frau.“ – Dann weißt Du ja jetzt, warum sie Dich weg geschickt hat.

„Ich bin es gewöhnt, dass andere tun, was ich sage.“ – Das erzählst Du jetzt bitte noch einmal dem Kapitän!

„Wenn ich koche, übergibt sich die Crew.“ – Die übergibt sich sowieso.

„Ich bin im Urlaub.“ –  Und Dein Anstand sitzt noch im Büro?

„Ich wusste nicht, wo das hin kommt.“ – Da hat Michael wohl an den gläsernen Schränken gespart.

Um bewerten zu können, ob eine rein weibliche Crew anders funktionieren würde, müsste ich diese erst einmal finden. Ob ich das will? Irgendwie ist es schon amüsant, „meinen“ Männern und Nicht-Männern zu zeigen, wer das Steuer in der Hand hat, wenn alle über der Reling hängen.

Meine tollen Mitsegler, bleibt so, wie Ihr seid! Ihr bringt mich zum Lachen. Mit Euch. Und vor allem über Euch. Ist das nicht wunderbar?

Liebe Leser, versteht Ihr nun, warum es absolut unmöglich ist, einen Blog mit dem Titel „Allein unter Männern“ zu schreiben?

2 Responses to “Wie heißt es richtig: Seemännin oder Seefrau?”

  1. YooMac 2. Februar 2015 at 15:17 #

    Katzen können kratzen!
    Nach einer schnurrenden Einleitung sieht MANN sich plötzlich einer angriffslustigen felidaeischen Bloggerin gegenüber, die gezielt ihre scharfen Krallen in überraschte Opfer schlägt. „Erstens, Zweitens, Drittens…“ MANN muss schon „ein Richtiger“ sein, um überleben zu können. Nach dem Massaker werden sich nun einige Seemänner der Polaris blutüberströmt die Frage stellen, welcher maskulinen Liebenswürdigkeit sie ihre tiefen Wunden zu verdanken haben. Für alle Schweine, Affen, Faul- und Kiechtiere, hat die Schreiberin ja eine tierisch große Auswahl von Antworten zur Verfügung gestellt.
    Da bin ich doch irgendwie froh, dass während meiner Zeit auf der Polaris noch keine Sheilakatze an Bord war. So wie es aussieht, hat sich diese wehrhafte Falidae so richtig festgekrallt auf dem Schiff. Daher möchte ich Micha im Namen aller Seemänner bitten, nicht noch einmal das Thema „Allein unter Männern“ anzusprechen, um so die bedrohte Art „Typisch Mann“ nicht nicht weiter zu gefährden.
    Damit schliesse ich meinen Kommentar und danke für den CAGE FIGHT. Hat Spass gemacht den Beitrag zu lesen. Gut geschrieben und kurzweilig „Typisch Sheila“!

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  1. Internationaler Frauentag auf der Polaris | espotoworldtour.com - 10. März 2015

    […] dem halben Kerl – Ich darf mich an dieser Stelle nicht angreifbar machen, siehe den Nicht-Blog „Allein unter Männern“. –, ist die holde Weiblichkeit auf der Polaris klar […]

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