Brasiliens Sylt: Fernando de Noronha

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Eine neue Insel ist wie eine neue Liebe. Manche Dinge ähneln denen, die man als alter Seefahrer kennt, und andere sind überraschend neu und verzaubern einen, so dass man gar nicht mehr weg möchte. Allerdings ist Fernando de Noronha, nordöstlich von Brasiliens Küste gelegen, eine Luxustussi und die wenigstens können sich ein Date mit ihr leisten, sie erneut besuchen oder lange bleiben. Schon gar nicht der Durchschnittsbrasilianer. Durch den Flugpreis von 500 Euro vom Festland Brasiliens zur Insel und die großzügige Preisgestaltung auf der dem Eiland werden das Niveau der Gäste und die Natur des Eilands gepflegt und geschützt:

– Eintrittspreis in den Nationalpark, der fast die komplette Insel einschließt = 50 Euro
– Ein Magnum-Eis = 4 Euro
– Ein 0,3l Bier = 3,30 Euro

– Eine Pizza = 20 Euro
– Ein Caipirinha = 6 Euro (0 Euro, wenn man blond ist und sich der Kellner verliebt hat)
– Busfahrt (1-10 Stationen auf der Insel, also 2-20 Minuten) = 1 Euro pro Fahrt
– Ankerplatz ohne Yachtclub, Duschen, Strom, Shuttle, Wlan o.ä. für 3 Tage = 330 Euro

– Summe, die der Geldautomat ausspuckt = 0 Real, weil immer leer
– Summe, ab der man mit Kreditkarte zahlen kann = 1 Real (33 Eurocent)
– Restaurants, in denen man mit Karte zahlen kann = 30%
– Summe, die wir als Crew gemeinsam bei Abreise noch übrig haben = 2 Real
– Emails, die wir dank öffentlichem Wlan-Netz abrufen können = 0
– Restaurants, deren Wlan wir als Gäste nutzen können = 0

– Monatliches Durchschnittseinkommen in Brasilien = 400 Euro

Fernando hat außer gepfefferter, europäischer Preise, einem schäbigen Fischereihafen ohne Liegeplätze, Schwell von bis zu 7 Metern am Ankerplatz, nächtlichen Regenschauern und nicht funktionierendem Internet noch viel mehr zu bieten. Und dieses Viel Mehr ist fantastisch! Ganz ohne Ironie!

Vor 12 Millionen Jahren entstand der Archipel, zu dem 20 Inseln gehören, durch die Eruption eines Unterwasservulkans. Nur 4000 Menschen leben hier. Zwei Drittel der Insel gehören zum Parnamar, dem Marine National Park, den man nur nach dem Erwerb einer Chipkarte betreten darf. Die Natur ist einzigartig. Schon zehn Seemeilen vor Ankunft sehen wir den spitzen Morro do Picco aus einer felsigen Landschaft ragen. Um uns herum stürzen Tölpel ins Wasser, um Fische zu fangen, und eine Delfinschule begrüßt uns um den Bug herumspringend. Die Tiere scheuen den Kontakt zu den Menschen nicht, und so müssen wir öfter einmal den Kopf einziehen, wenn ein Vogel über unser Deck rauscht. Je näher wir kommen, desto deutlicher erkennen wir die üppige Flora, die die hügelige Landschaft überzieht. Am Fuß der Berge entdecken wir weiße Sandstrände und können es kaum erwarten, endlich den Anker zu werfen. In unserer Bucht liegen schon einige andere Yachten der World Arc-Flotte. Wir winken uns aufgeregt zu und suchen uns einen Platz in sicherem Abstand. Ich springe ins 29 Grad warme Wasser und schnorchle hinaus, um den Anker zu prüfen. Der Schwell hat den sandigen Boden aufgewühlt und so kann ich auch in zehn Meter Tiefe nur ahnen, dass sich das schwere Eisen an der Kette ordnungsgemäß eingegraben hat.

Das Dinghi wird ins Wasser gelassen, der Motor angeschraubt und die Crew auf der Gummiwurst platziert. Die Kameras in der Hand laufen wir in den winzigen Fischereihafen ein. Zoll- und Passkontrolle stehen auf dem Plan. Das Büro hat Mittagspause. Natürlich! Also setzen wir uns in den Inselbus und fahren zur Endstation. Dort befindet sich die Baia do Sueste, wo man angeblich Schildkröten beobachten kann.

Als wir feststellen, dass uns unser Schnorchelabenteuer fast 10 Caipirinhas kosten soll, entscheiden wir uns dafür, erst einmal einen Buggy zu mieten, um alternative Buchten zu besuchen. Buggys sind verbreitete Transportmittel auf der Insel, sie nehmen es mit den steilen Hängen, den Kopfsteinpflaster- und Schotterstraßen auf und fassen, wenn man sich kreativ verteilt, bis zu acht Personen inklusive Surfgepäck. Der Fahrtwind kühlt angenehm und Fotostopps können bequem im Sitzen erledigt werden. Was will man mehr, wenn man gerade von See kommt und die Muskeln noch nicht so lauffreudig sind?

Während wir auf Kapitän Jan warten, der sich nun mit den Offiziellen herumplagen darf, fahren die einen zum Softeis-Essen in die Innenstadt, ein Ritual, das von nun an täglich stattfinden wird, und ich wandere zur Capela de Sao Pedro. Die winzige, weiße Kapelle am nördlichen Zipfel der Insel steht auf einem Berg, von dem aus man einen umfassenden Blick über Fernando und die vorgelagerten Felsen hat. Dort sollen großartige Tauchplätze sein, habe ich gelesen und ich versuche zu erkennen, wo man mit dem Dinghi entlangfahren könnte, ohne am Riff hängen zu bleiben oder den Wellen an die schroffen Klippen gedrückt zu werden. Als ich zurück laufe, schrecke ich hinter einem stillgelegten, hölzernen Fischerboot einen 50 Zentimeter großen Leguan auf, der aus seinem Versteck hervorschießt und dann in sicherem Abstand gemächlich davon schreitet.

Als wir ein paar Stunden später endlich offiziell einklariert sind, können wir es nicht mehr erwarten, unsere Füße im Sand zu vergraben und in die Wellen zu springen. Tatsächlich sind die Strände von Fernando hervorragende Surfspots, die jährlich zu den besten Revieren ausgezeichnet werden. Als wir die Bucht des Praia da Conceicao erreichen, halten wir den Atem an. Vor uns liegt ein im Abendlicht glitzernder, flacher, weicher, weißer fast leerer Sandstrand, hinter dem sich der spitze Morro do Pico wie ein Zeigefinger erhebt. In den gleichmäßigen Wellen springen talentierte Surfer. Vor dem Wäldchen, der den Strand zum Land hin abschließt, stehen Kokospalmen und eine äußerst gemütliche Strandbar mit Slack line, Beach Volleyball-Feld und ausgesprochen gut aussehendem, jungen Publikum. Riesige Fregattvögel kreisen über unseren Köpfen und die frechen Tölpel stürzen sich nur Zentimeter von den Surfern entfernt in die Fluten. Richtung Norden blickend erkennen wir unsere schaukelnden Segelboote. Wir springen ins Wasser und wollen nie wieder weg. Schnell wird die Abreisezeit nach hinten geschoben.
Nach der Erfrischung und mit untergehender Sonne dürstet uns nach einem Caipirinha und wir suchen eine zweite, stilvolle Strandbar, die auf eine Klippe gebaut wurde. Wir klettern über die großen Steine hinauf, verteilen uns auf Bastmatten, hören elektronische Musik schauen auf das dunkle, rauschende Meer, das auch von Land aus gesehen seine Faszination für uns nicht verliert. Wir bestellen Sushi und Gegrilltes Fleisch und nachdem ich dem Kellner mehrere Male auf Spanisch-Portugiesisch-Englisch begleitet von viel Augenklimpern unsere Bestellungen diktiert hatte, fliegen die Caipirinhas auch ohne Order zu uns herbei. Unsere Rechnung gestaltet sich dadurch als äußerst moderat und wir wissen: Wir kommen wieder.

Pünktlich zum Frühstück ziehen Delfine durch den Ankergrund, Michael und ich springen ins Wasser und schwimmen ihnen entgegen. So nah haben wir die eleganten Tiere noch nie erlebt. Sie springen aus dem Wasser, wirbeln durch die Luft und platschen wird zurück. Sie tauchen unter uns durch und ich fotografiere im Sekundentakt. Eine große Schildkröte entdecke ich zu spät und so kann ich keinem beweisen, dass es sich nicht nur um Seemannsgarn handelt. Kurze Zeit später sind die Tiere weg und wir kehren euphorisch zum Boot zurück. Ich zeige allen, die ich treffe, die Nahaufnahmen der Delfine. Ab jetzt liegen Maske und Schnorchel immer griffbereit an Deck.

Tagsüber macht ein Teil der Crew eine Inselrundfahrt zu all den schönen Buchten und Stränden und badet in Naturpools mitten in den Felslandschaften der Küste. Man gönnt sich ein weiteres Softeis und wandert durch atemberaubende Panoramen. Christian hat Gefallen daran gefunden, das geländefähige Vehikel zu steuern, mit der gleichen Geduld, mit der er auch die Polaris oft stundenlang allein über den Ozean treibt.

Mit Sebastian von der deutschen Yacht Chika-Lu und James von der amerikanischen Alpheratz fahre ich währenddessen hinaus zum Tauchen. Auf der Chika-Lu bereiten wir das Equipment vor, Sebastian hatte die Tanks bereits gefüllt, hüpfen ins Dinghi und suchen nach einem schönen Riff. Immer wieder stoppen wir und ich schaue ins Wasser, um die Umgebung zu bewerten. Ich bin enttäuscht, weder schöne Korallen noch Fische kann ich finden. Wir fahren weiter hinaus an traumhaft-wilden, schroffen Klippen und ausgewaschenen Höhlen vorbei, in die die Wellen nur so hinein klatschen. Ich träume vor mich hin bis James ruft „Dolphins! Everywhere!“. Sebastian steuert vorsichtig das Schlauchboot in die Nähe der Delfinschule. Vielleicht sind es mehrere Schulen, denn plötzlich, zwischen Fernando und der vorgelagerten Insel Ilha Sela Gineta, wo eigentlich ein Hai-Piktogramm in der Karte abgebildet ist, sind wir umzingelt von unzähligen Delfinen mit ihren Babys. Wir wissen, dass wir hier Tauchen wollen. Die Go Pro ist einsatzbereit und die Taucher klar zum Sinken. Wir zeigen uns das OK-Zeichen und lassen die Luft aus den Jackets. Unser Tauchgrund ist gerade einmal 10 Meter tief und lichtdurchflutet. Die Strömung ist schwach, Seegras treibt durchs Wasser. Wir entdecken einen großen Barrakuda, den wir alle gern einmal an der Angel sehen würden, aber als gute Taucher müssen wir diesen Gedanken schnell verwerfen. Viele Fische ziehen durch über den steinigen Boden, aber meistens haftet unser Blick an der Oberfläche, wo uns immer wieder minutenlang die Delfinfamilien besuchen kommen. Einzelne Tiere sind neugierig, kommen direkt auf uns zu und drehen erst bei einem Abstand von einem Meter wieder ab. Viel zu nah, um das gesamte Tier vor die Linse zu bekommen. Herrlich! Wir bleiben eine Stunde und trotz genügend Druck in der Flasche beschließen wir, die Natur wieder sich selbst zu überlassen. Wir haben mehr bekommen, als wir erwartet hatten. Vorsichtig löse ich den Anker unter einem Stein hervor und wir tuckeln grinsend in unsere Bucht zurück.

Der Tag ist noch jung und Jan und Surfbrett einsam auf dem Boot zurück geblieben. Wir holen die beiden ab und fahren an unseren geliebten Strand vom Vortag. Dort treffen wir auf den Rest der Crew und andere Segler. Wir probieren das Surfen an diesem Profi-Spot und scheitern. Das Schöne am Surfen: auch das Scheitern macht tierisch viel Spaß. Die Wellen sind kräftig und kurz, treiben Jans kurzes Board gut an, brechen aber zu schnell zusammen, so dass die Anfänger im Weißwasser ordentlich durchgespült werden. An der Strandbar wartet eine Outdoor-Badewanne mit Frischwasserdusche. Das Leben kann so einfach sein. Wir schauen knappen Bikinis und engen Badeshorts hinterher, schlürfen Smirnoff Ice und bleiben bis zum Sonnenuntergang am Strand.

Die Fahrt zum Boot ist sehr romantisch. Unsere Dinghis warten am Pier und in der dunklen Nacht fahren wir den fröhlich hüpfenden Ankerlichtern an den Masten der Segelyachten entgegen. Wir ein besonderes Sternenbild wirkt diese Anordnung aus Laternen und es ist gar nicht so einfach, das eigene Schiff zu identifizieren, hätte die Polaris nicht das wunderbare Salon-Rotlicht installiert.

Der letzte Tag gestaltet sich ähnlich: Ein bisschen Papierkram inklusive zuckersüßem Kaffee im Hafenbüro – Frauen werden in Brasilien eindeutig bevorzugt behandelt – , ein paar Räum-, Putz-, Reparatur- und Besorgungsaufgaben für das Boot und ab geht’s zum Strand. Hilde futtert die Fregattvögel, die im Flug ihre hochgeworfenen Fischchen fangen. Wir spielen mit dem Strandhund, testen uns auf der Slack Line und verabreden uns zu einer großen Pizza Noronhese, deren besondere Dekoration aus gegrillten Sardinen besteht. Über die Frische des Fischs machen wir uns keine Sorgen. Tagtäglich können wir den Fang der Fischkutter am Pier begutachten. Thunfische, Barrakudas, Makrelen, Sardinen. Alles, was wir selbst gern fangen und womit die Eisschränke der Boote gut bestückt sind. Aus den Restaurants dringt brasilianische Musik, vielerorts spielen Livebands. In der Kirche findet eine abendliche Messe mit Gesang statt und irgendwie werden wir wehmütig, dass wir wieder weiter müssen.

Wir überlegen, wie das eigentlich ist mit dem Müssen. Die Rally verpflichtet uns, aber auch die Flugtermine unserer alten und neuen Crewmitglieder und irgendwie sind wir ja auf einer Reise und nicht auf der Suche nach einem Ort zum Bleiben. Zumindest nicht in diesem Moment. Ein letzter Caipirinha, eine letzte Nacht zwischen Delfinen, Tölpeln und Fregattvögeln vor der schönen, grünen Insel Fernando de Noronha, ein letztes Bad in den warmen Wellen und weiter geht es Richtung Grenada in die Karibik. Wer will sich da schon beschweren? Zwei Wochen werden wir unterwegs sein, den Äquator werden wir überqueren und eine Taufe werden wir über uns ergehen lassen, einen riesigen Barrakuda werden wir fangen, Schwärme Fliegender Fische werden uns begleiten, Hildes Kochkünste werden uns verwöhnen und den Launen von Wind und Wetter werden wir trotzen wie eh und je, in Erinnerungen schwelgen und Tausende Fotos austauschen, die wir ganz bald mit Euch teilen.

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