Vom Vermissen

Vermissen ist das Gefühl, dass etwas fehlt.
Vermissen ist aber auch Wertschätzung dessen, was sonst da ist.
Auch wenn man im Grunde nichts vermisst, gibt es immer doch etwas, das man in einem anderen Leben, an einem anderen Ort, in einer anderen Situation gern hatte und wenn es möglich wäre, wünschte man es sich ins Hier und Jetzt.

 

Freunde und Familie

Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde.

Ich weiß, dass sie auf mich warten. Ich weiß, dass sie in Gedanken mit mir reisen. Ich weiß, dass ich sie bald wiedersehen werde und alles im Grunde so sein wird wie vorher. Mein Vermissen ist nicht der Wunsch dort zu sein, wo sie sind.

Mein Vermissen ist eher das Bedürfnis, mit ihnen zu teilen, was ich erlebe. Die traumhaften Orte, die aufregenden Aktivitäten, die großen Gefühle. Wer wird ansonsten wirklich nachvollziehen können, was ich erlebt habe? Mit wem werde ich die Erinnerungen teilen können? Natürlich mit den Menschen, mit denen ich reise. Und die werde ich eines Tages ganz sicher auch vermissen, wenn wir einmal von Bord gehen.

 

Deutsches Essen

Kulinarisch leide hier keineswegs Not, im Gegenteil, aber ich freue mich heute schon auf etwas Vertrautes, etwas Deutsches, etwas, das mir zu Hause nie wirklich wichtig war und trotzdem so etwas wie Heimat bedeutet:

Ein Leberwurstbrötchen, eine Laugenstange, eine Thüringer Rostbratwurst, ein Stück geräucherter Aal, eine Buttermilch, ein Wiener Schnitzel, mein tägliches Bürogetränk Volvic Orange, eine Paella gekocht von meiner Mutter, Hühnersuppe auf der Couch von meinem besten Freund Ronny. Das wird ein Rundumschlag im Supermarkt, befürchte ich. Kapitän Jan sehnt sich nach einem Döner Kebab. Auch das kann ich nachvollziehen.

Obst so viel es geht

Exotisches Obst ist auch lecker, aber ich freue mich auf deutsches Essen!

Die Heimat

Zuhause betrachte ich mich nie als typisch deutsch.

Ich finde das Land, aus dem ich komme, ganz wundervoll und trotzdem wollte ich nie zur Schublade der typisch Deutschen mit all den Tugenden und Zwängen, die dann auf mir lasten würden, gehören.

Wenn man reist, wird man jedoch von seiner Identität verfolgt. Wortwitze lassen sich nun einmal am allerbesten in der eigenen Sprache erzählen, Kulturgut aus Kindheit und Jugend teilt man am ehesten mit den eigenen Landsleuten und die Werte, mit denen man aufgewachsen ist, zählen in Asien oder Südamerika mitunter nicht das Gleiche.

Unsere amerikanischen Freunde in der Flotte staunen nicht schlecht, wenn der Polaris-Eigner nackt ins Wasser springt. Die Norweger hingegen juckt das nicht Bohne. Und so stelle ich fest, dass wir nicht nur eine deutsche sondern auch eine europäische Identität haben, die immer dann deutlich wird, wenn sich Europäer auf anderen Kontinenten zusammenfinden und so gut verstehen wie nie zuvor. Da fühlt sich der Franzose plötzlich viel ähnlicher und näher an als gerade eben noch in Paris. Und auch die Preußen und die Bayern sind im Ausland so richtig dicke, denn global gesehen, kommen sie direkt aus dem gleichen Mauseloch.

Wenn es ihn nicht gäbe, würde ich ihn vermissen, den Austausch mit meinen Landsleuten. Da er aber mit mir reist, gibt es wenig zu vermissen. Sobald ein neues Crewmitglied anreist, werden Spiegel, Süddeutsche, Welt, Zeit, Frankfurter und Bild herum gereicht und wir sind sogar ein bisschen froh, die Heimat mit Abstand betrachten zu dürfen. Hier an Bord, wird erst einmal geprüft, wer Ossi und wer Wessi ist und denen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind, ist ihre Herkunft plötzlich gar nicht mehr wichtig. Schließlich sind wir ja alle Deutsche. Oder Europäer. Oder Menschen. Füße hoch und Tatort schauen. Ach, wie wäre das schön!

 

Jahreszeiten

Wir genießen die Barfußroute jeden Tag. Keine Schuhe tragen zu müssen, keine Jacke zu brauchen, jederzeit ins Meer springen zu können und niemals frieren zu müssen, ist herrlich. Und doch gehen die Monate an einem vorbei, ohne dass Jahreszeiten stattfinden. Juli, September, Dezember, März: sie sind alle gleich. Das ist schon komisch.

Als es zu Weihnachten in Kapstadt selbstgemachten Glühwein gab, war das ein bisschen lächerlich bei 20 Grad Lufttemperatur am Abend. Wenn hier im August die Sonne schon um 18 Uhr untergeht, denkt man ein wenig wehmütig an die lauen Nächte online casino im Norden, wo man länger im Hellen sitzen kann. Ganz zu schweigen von Snowboardausflügen und Rodelpartien im Winter.

Dort, wo keine Jahreszeiten stattfinden, gibt es über das Wetter wenig zu reden. Vielleicht reisen deshalb so wenige Engländer in der Flotte mit. Ein Glück, dass es ab und zu regnet und der Wind ab und zu die Richtung ändert. So geht uns immerhin nicht der Gesprächsstoff aus.

Entspannung auf Cocos Keeling Island

Ewiger Sommer auf unseren Etappen…

Der Beruf

Kann man seine Arbeit vermissen? Wenn sie einem Spaß macht, dann schon. Und noch viel mehr die Rollen, in die man schlüpfen kann.

Der spannende Wechsel zwischen geschäftlich und privat, zwischen professionell und lustig, zwischen Arbeit und Freizeit, der der Freizeit soviel Wert verleiht. Denn wenn man immer nur frei hat, wird diese Freiheit zur Normalität und man muss sich anstrengen, um sich an den Wert der Zeit zu erinnern.

Und dann wäre da noch die Anerkennung, die der Beruf mit sich bringt, wenn alles gut läuft. Die tägliche Herausforderung. Der Stolz, wenn etwas geschafft ist. Die vielen sozialen Kontakte und der geistige Austausch mit Menschen, die so ganz anders sind als man selbst. Der Austausch mit Menschen, die die gleichen Ziele verfolgen wie man selbst. Die Dinge, die man produziert und die von einem bleiben. Die Menschen, die von einem lernen. Die schönen Kleider und Schuhe, die man tragen darf, muss oder soll.

All das gehört eben auch zur eigenen Persönlichkeit und wenn es fehlt, fehlt etwas. So einfach ist das. Immer wieder werde ich gefragt, woher ich komme und was ich denn mache. Natürlich bin ich dann die Marketingmanagerin. Das versteht man. Und so verstehe ich mich, mit Leib und Seele.

 

Sport

Wenn man auf einem Segelboot reist, sind die Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. Auf 15 Metern geht man nun einmal nicht joggen oder inlineskaten.

Man hockt aufeinander und brütet im schlechtesten Fall Konflikte aus, die bei genügend sportlicher Ertüchtigung vielleicht nie entstanden wären. Im besten Fall erschlaffen nur die Muskeln und man legt ein paar Kilogramm Fett zu, die man dann bei Rückkehr in die Heimat abzutrainieren plant.

Sobald wir anlegen, gehe ich mit meinen Seeleuten schwimmen, schnorcheln, tauchen, wandern, klettern, Rad fahren oder surfen. Michael wählt Yoga und Joggen zu seinen täglichen Land-Disziplinen. Nach drei Wochen auf See, kann man sich auf einem Boot schon recht eingesperrt fühlen. Zum Glück habe ich in meinen Leidensgenossen auch Sportsfreunde gefunden.

Beim Tauchen kann man den Sportmangel wieder etwas wettmachen

Beim Tauchen kann man den Sportmangel wieder etwas wettmachen

Privatsphäre

Ich war noch nie gern allein und im Grunde stört mich am Leben in meiner schwimmenden WG wenig. Wenn man will, findet man schon ein Plätzchen für sich: in der Koje, auf dem Vorschiff, Augen zu, Kopfhörer auf, Buch vor die Nase.

Wer nicht kommunizieren will, muss nicht kommunizieren. Wer allein sein will, schafft das schon irgendwie.

Und trotzdem bleibt auf den 40 Quadratmetern Lebensraum, das Deck eingerechnet, wenig privat, geheim, verborgen, intim, ungesehen, ungehört, ungeteilt. 24 Stunden, 7 Tage die Woche: immer Leute um einen herum, immer die gleichen Leute obendrein.

Das hat den Vorteil, dass man die Stärken und Schwächen eines jeden schnell kennenlernt und sich darauf einstellen kann. Das hat aber auch den Nachteil, dass keine Eigenarten verborgen bleiben. Auch die eigenen nicht. Möchte man mal faul sein, hat man schlecht geträumt, hat man das Essen nicht vertragen oder zu viel getrunken: Alles wird wahrgenommen, kommentiert, analysiert, interpretiert. Und nicht einmal im Dunkeln ist gut munkeln. Schlimmer als die fehlende Privatsphäre, ist allerdings das, was danach kommt: Das Alleinsein. Das Vermissen der tagtäglichen Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft mit Full time-Bespaßungsauftrag.

 

Die Badewanne

Nach dem Mopedunfall auf Mauritius erschien mir nichts tröstlicher als das heiße Bad, das ich in meinem Hotelzimmer nehmen konnte. Hier hatte die Rezeption, die Zeuge des Zusammenstoßes mit einem allzu rasanten Überholer gewesen war, anscheinend mitgedacht und kurzerhand die Honeymoon Suite mit rosenblütenbedecktem Bett frei gemacht.

Die Blüten von der Decke zu schütteln, grenzte an Hochleistungssport. Das warme Wasser, das auf meinen verletzten Körper tröpfelte hatte allerdings den besten Effekt für die schmerzenden Muskeln und Heilkraft für die geschockte Seele.

So ein Bad in einer Badewanne, endlos frisches, warmes Wasser aus dem Wasserhahn: Das ist Luxus. Und zum Glück kann man ihn kaufen, auf fast jeder Insel mit einem vernünftigen Hotel. Und im Hotel Mama ist er sogar kostenlos und kommt mit heißer Schokolade im Programm. Darauf freue ich mich jetzt schon.

 

Die Angst vor dem Vermissen

Ich weiß heute schon, dass ich dieses wilde Leben als Seefahrerin vermissen werde.

Manchmal stehe ich ehrfürchtig am Bug der Polaris und bedanke mich beim Universum für all die einmaligen Momente, die ich erleben, für den schönen Planeten, auf dem ich zuhause sein, für die vielen Tiere, die ich beobachten, die großartigen Menschen, die ich kennenlernen und das viele Glück, das ich haben darf.

Danke für diese einzigartigen Momente!

Danke für diese einzigartigen Momente!

 

Worauf freut Ihr Euch, wenn Ihr nach einer langen Reise nach Hause kommt?

Was vermisst Ihr auf See oder in fremden Ländern?

 

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