Von vorn

Eigentlich sind wir ja schon länger auf dem Weg nach Hause. Doch irgendwie wird es mir erst jetzt bewusst. Ich meine so richtig.

Weshalb?

Ganz einfach. Seit dem Start der espotoworldtour 13-15 am 08.08.2013 in Warnemünde geht es jetzt das erste Mal wieder ernsthaft in den Osten. Dahin, wo vor rund 21,5 Monaten alles begann und in ca. zweieinhalb Monaten die Polaris im Yachthafen Hohe Düne ihr Ziel erreicht. Das heißt, morgens beim nach vorne schauen die Sonne im Gesicht zu haben. Bisher hat sie zumeist den Hinterkopf beleuchtet.

Macht also schonmal ein dickes rotes Kreuz im Kalender. Wir drehen am 08.08.2015 gegen 13:00 vor dem YachthafenHotel Hohe Düne, auf der Warnowseite ein paar Kreise. Es darf gejubelt werden. Plakate und Banner sind natürlich willkommen. Anschließend laufen wir in den Yachthafen Hohe Düne ein. Unser Stammplatz, Steg E Platz19, ist bereits gebucht und reserviert. Kommt auf einen Kaffee rum.

DSC_0704

So jubelnd werden wir in Warnemünde einlaufen

Zurück in die Vergangenheit

Am 20.05.2015 ging es, mit Ziel Horta auf Faial in den Azoren, um 11:00 Ortszeit (UTC -3h / MESZ -5h) in St. Georges, Bermuda über die Linie. Vor uns liegen ca. 1.800 sm also 3.333 km mit Kurs 072 Grad.

Man müsste also 11 Mal die Schweiz von West nach Ost mit dem selben Kurs bereisen, um auf diese km zu kommen. Unsere Ankunft ist um den 02.06.15 angesetzt. Etwas kreuzen liegt noch vor uns, da das Azorenhoch stabiler wird und sich, allem Anschein nach, in den nächsten Tagen in seine Sommerposition nach Norden verschiebt und wir aus südlicher Richtung anlaufen.

Bermuda war auch ganz nett.

Viele kleine Inseln, Kühe in schwarz/weiß, Spatzen und angenehme Temperaturen wie im Mittelmeer. Preislich sehr intensiv. Fast wie in Deutschland.

DSC00605

Schwarz-weiße Milchkühe auf Bermuda

Was mich außerdem an Deutschland erinnert, sind die sinkenden Temperaturen im Vergleich zur bisherigen Reiseroute. Die der Luft als auch des Wassers.
Und das Wasser mit großen Schritten voran. Die Eimerdusche am Heck der Polaris erinnert inzwischen eher an das Abschrecken nach dem Saunagang oder ein Bad im heimischen See. Die Zeiten mit 27 Grad Wassertemperatur sind vorbei.

Jetzt heißt es die verwöhnten Zähne zusammen beißen und mit 18-20 Grad shampoonieren und anschließend entseifen. Zum Glück verliert die Luft ihre Wärme etwas bescheidener mit jedem Grad nach Nord. Noch sind es in der Sonne um die 26 Grad. Nachts allerdings, so ganz ohne Sonne und tagsüber bei Bewölkung wird schon Mal der Strumpla oder andere lange Bekleidung übergestreift.
Bei Dunkelheit und auf dem klammen Deck wird das volle Ölzeug bei gefühlten 20 Grad und weniger noch etwas dichter geschnürt.

Da wir uns für eine südlichere Route im nördlichen Nordatlantik entschieden haben und die letzten vier Tage sehr angenehme 13-18 kn Wind aus Süd bis Südwest hatten und unter vollen Segeln liefen, war auch wenig an den Leinen und Winschen zu bedienen.
Ergo, keine Bewegung und gefühlt gleich mal noch etwas frischer in den Klamotten. Also die Segelbekleidung noch etwas dichter an den Körper und die Mütze noch weiter über die Ohren gezogen.

Foto

Bei bedecktem Himmel kommt auch das Ölzeug zu Tage

Es ist tatsächlich ungewohnt kalt für uns Sonnenverwöhnte.  Ja, kalt! Bei 20 Grad…

Weshalb eigentlich die südliche Route anstatt die empfohlene nördliche?

Einen Tag nach Start erreichte eine schwache Kaltfront Bermuda. Erstmal nichts außergewöhnliches. Das geht hier alle paar Tage so. Etwas Regen, ein paar Böen, fertig.

Allerdings folgte einen Tag später ein ernstzunehmendes Sturmtief in der Größe der Schweiz.
Also verwarfen wir den schnelleren Nordroutenplan und gingen auf Nummer sicher und dem Tief weit aus dem Weg. Segelyachten auf den nördlichen Route meldeten bis 45 kn Wind und bis zu 8m Wellen für drei Tage. Wenn man mal überlegt, dass ein Stockwerk im Plattenbau ca. 3 m Höhe hat, ist eine solche See über Tage hinweg wenig erstrebenswert. Also aus unserer Sicht alles richtig gemacht.

Heute morgen verschwand wie im Wetterbericht angekündigt der Wind um übermorgen bei Einreise in das Azorenhoch aus östlichen Richtungen wiederzukehren. Der Himmel zeigt sich passend zur Flaute bei einer Front nach nach einem Tief mit 50 Facetten von Grau. Läuft doch alles wie geplant.

Die nächsten zwei Tage brummt und rasselt der Horscht.

IMG_4413

Die hohen Wellen haben wir gekonnt umfahren

Horscht?

Wir haben auf der Polaris endlich eine lange Tradition übernommen. Alles was langweilig klingt oder wovon einem der Name nicht gleich einfällt bekommt einen Einheitsnamen. Unter anderem hörte ich schon Ingrid und Schnitzel. Wobei Ingrid, Ingrid wenig toll fand. Das Schnitzel ist am lustigsten, da es von einem Portugiesen verwendet wird. „Can you bring me the Schnitzel, please!“
Bei uns hat Horscht das Rennen gemacht. Danke an dieser Stelle an Kevin für seine Inspiration zu diesem Namen.

Christian kocht heute Horscht. Ben wäscht Horscht. Matthias aka Thies schläft neben Horscht, Marc hat Horscht kalibriert und ich zieh an Horscht.

Was haben wir noch erlebt?

Die wie Straßenlaternen aufgereihten Portugiesischen Galeeren. Nee, nicht die Schiffe. Ich meine die Quallen.
Da wir hier etwas Zeit haben, ergab unsere hochwissenschaftliche Langzeitstudie folgendes Ergebnis:
Jede Kabellänge schwimmt eine Galeere im Abstand von 10 m querab zur Polaris. Sowohl Backbord als auch Steuerbord.
Wie Häuser in einer Neubausiedlung reihen sie sich aneinander. Und nachts sind sie auch noch biolumineszierend. Da fühlt man sich dann sogar eher wie im Landeanflug als beim Segeln.
Die Tentakeln sollen angeblich Halluzinationen hervorrufen. Aber das hat noch keiner bewiesen.

„Der Schwarm“ hat begonnen Herr Schätzing.

Tags: ,

Noch keine Kommentare.

Jetzt einen Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .

+