Wann ist ein Wrack ein Wrack?

Schiffswrack in der Karibik auf der Insel Carriacou

Schiffswrack in der Karibik auf der Insel Carriacou

 

Auf unserer Reise begegnen sie uns überall: Wracks! Flugzeugwracks, Autowracks, Schiffswracks, verlassene, zerfallende Immobilien und natürlich auch menschliche Wracks, aber dazu ein andermal.

Ich stehe vor einem gestrandeten Schiff auf der Karibikinsel Carriacou und frage mich: „Was macht ihn so mysteriös, diesen Haufen Rost?“. Nicht weit davon entfernt streunen wir Segler durch das Gelände einer verlassenen Hotelanlage. Wer ist hier warum bankrott gegangen?

Auf Grenada klettere ich in ein ausgeschlachtetes Flugzeug auf dem stillgelegten Flugplatz im Osten der Insel und frage mich: „Warum fühlt es sich so unheimlich an, diese leere Röhre zu betreten?“.

Auf St. Helena fotografieren wir alte Autokarossen, die als solche kaum mehr zu erkennen sind, weil die Natur auch vor einem Wrack nicht Halt macht, und ich frage: „Woher kommt diese Faszination für einen Schrotthaufen, aus dem Gras und Blumen herauswachsen?“.

 

Wracks sind Fantasiegebilde. Sie erzählen uns Geschichten von lustigen Spritzfahrten, von harter Arbeit, von Krieg, von Zeiten des Reichtums und Zeiten der Armut, von erfüllten Träumen, vom Fortschritt der Technik. Aber vor allem erzählen sie Geschichten von Menschen. Und Menschen interessieren sich bekanntlich am meisten für Menschen. Wer mag in diesem Flugzeug der russischen Airline Aeroflot wohl gegessen haben, warum ist dieses Boot nicht am Felsen vorbeigekommen, wessen Lebenstraum wird dieser Wagen einmal gewesen sein? Wer ist darin gereist? Wer hat darin gearbeitet? Wer hat sich darin erholt, gestritten, geküsst? Die Geschichten, die uns ein Wrack zu erzählen hat, sind so vielfältig, wie es unsere ganz unterschiedlichen Vorstellungen zulassen. Wer durch ein Wrack geht oder taucht, sieht nie nur zerlöchertes Blech, Korallen und Fische. Er sieht das Leben, das einmal in der verlassenen Hülle steckte. Vielleicht ist ja noch ein Schatz irgendwo versteckt. Eine Münze, ein Stück Porzellan, ein altes Werkzeug, eine stehengebliebene Uhr, vielleicht eine Waffe, Zeugen dafür, dass das Wrack eben nicht immer ein Wrack war.

 

Wracks wecken Ängste. Sie sind ein Zeugnis vom verlorenen Kampf gegen den Gegner oder einfach gegen die Zeit. Sie beweisen menschliches Versagen und die Vergänglichkeit von Dingen und Leben. Wir fragen uns: „Ist in diesem Schiff jemand ertrunken, als es sank.“ und hoffen, nicht mit menschlichen Überresten konfrontiert zu werden. Sie erinnern an gruselige Filme, in denen sie als Versteck oder als Schauplatz einer körperlichen Auseinandersetzung dienen. Sie sind fragil und könnten jederzeit in sich zusammenfallen. Nervenkitzel pur!

 

Wracks sind unbewegliche Monster. Wracks thematisieren ein Problem vieler Inseln und Länder mit schlechter Infrastruktur: Die Vehikel oder Immobilien werden gebaut, gekauft, angeliefert, eingeführt, per Schiff oder Flugzeug angekarrt. Aber wenn sie kaputt sind, verunfallt sind, bankrott oder einfach nicht mehr erwünscht sind, bleiben sie liegen und werden nicht entsorgt. Aus Mangel an Werkzeugen, Budget, Zeit, Manpower, Druck von außen, Verschrottungsplätzen oder Transportmitteln  verschandeln sie die Umwelt. Zunächst! Denn die Natur holt den Raum zurück.

 

Wracks spenden Lebensraum. Aus alt wird neu. Diese Orte mit all ihren Stories und all ihrer Seele sind Bühnen für neue Schauspiele. Aus Müll wird Kunst. Aus Müll wird ein Ort voller Farben, voller Tiere und Bewegung. Korallen, Pflanzen, Fische, Vögel, Reptilien: Jede Art von Lebewesen siedelt sich in den Löchern, Ritzen, Polstern, Ecken an und verwandelt das Wrack in nur wenigen Wochen in einen farbenfrohen Mikrokosmos.

 

Das Wrack als Wirtschaftswunder. Und plötzlich wird das Wrack zum Geschäftsmodell, zur touristischen Destination für Wanderer am Kap der Guten Hoffnung, für Taucher auf den Gili Inseln oder für Kreuzfahrtreisende auf Grenada. Wäre hier nichts kaputt gegangen, gäbe es auf dem sandigen Meeresgrund oder dem großen Feld auch nicht viel zu sehen. Auf der philippinischen Insel Boracay hat man sogar ein altes aber noch funktionierendes Schiff versenkt, um den Tauchgästen nach dem Verschwinden der Fische durch Taifune und Dynamitfischerei wieder etwas bieten zu können. Der Plan ging auf: Fische siedelten sich an und die Tauchschule hat etwas zu verkaufen. Im US-Bundesstaat Oregon lebt Bruce Campbell sogar in der Hülle einer Boeing 727-200. Er hat den ausrangierten Flieger günstig erworben und zu einem gemütlichen Heim ausgebaut. Gekostet hat ihn sein Wohnprojekt 200.000 US Dollar. Bruce Campbell schwärmt von der starken Bausubstanz und träumt von einem Flugzeug-Campingplatz, der auch anderen Menschen eine Unterkunft bieten soll.

 

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